Führungswechsel
Bayer muss Pharmasparte stärken

Der am Dienstag angekündigte Führungswechsel bei Bayer wird nach Einschätzung von Fachleuten langfristig weitreichende strategische Konsequenzen haben. Die wichtigste Herausforderung für den künftigen Vorstandsvorsitzenden Marijn Dekkers wird dabei der Portfolio-Umbau sein.

FRANKFURT. Der als Nachfolger von Werner Wenning nominierte Marjin Dekkers wird im kommenden Jahr die Führung in einem Konzern übernehmen, der zuletzt zwar beträchtlich zwar profitabler geworden ist. Doch trotz vieler Umbauten hat Bayer aus Sicht der meisten Branchenkenner seine endgültige Struktur noch nicht gefunden.

Zum einen ist Bayer noch eines der ganz wenigen Unternehmen, die gleichzeitig Chemie- und Pharmageschäfte unter einem Dach betreiben. Zum anderen wird der Leverkusener Konzern in seinem wichtigsten Teilbereich, der Gesundheitssparte, in den kommenden Jahren weitere Wachstumsimpulse benötigen, um den bisherigen Kurs fortzusetzen. Dekkers, schätzen externe Beobachter, wurde daher wohl nicht zuletzt wegen seiner Erfahrungen im M&A-Bereich an die Spitze des Unternehmens berufen. Zudem dürfte nach Erwartung mancher Analysten spätestens 2011 die Zukunft der Kunststoffsparte Bayer Material Science (BMS) auf den Prüfstand kommen.

BMS gilt in einem auf Gesundheit ausgerichteten Bayer-Konzern zusehends als Fremdkörper. Unter dem Einfluss der Konjunkturflaute entwickelte sich die Sparte zudem als Sorgenkind. Mit einem operativen Verlust von 285 Mio. Euro hat sie im ersten Halbjahr die ansonsten positive Ertragsentwicklung des Bayer-Konzerns deutlich gebremst.

Eine der Herausforderungen für Dekkers dürfte daher darin bestehen, BMS möglichst schnell wieder auf Kurs zu bringen und auf diese Weise strategischen Spielraum für einen Verkauf oder eine Abspaltung zu gewinnen.

Deutlich günstiger ist die Situation bei Bayer Crop Science, der Agrochemiesparte des Konzerns. Sie konnte ihren Betriebsgewinn im ersten Halbjahr 2009 noch um gut vier Prozent auf knapp eine Mrd. Euro steigern und ist neben der Schweizer Syngenta der führende Anbieter von Pflanzenschutzmitteln. Die zentrale Aufgabe besteht hier vor allem darin, die noch vergleichsweise schwache Position von Bayer im Bereich der Pflanzenbiotechnologie zu verstärken.

Die ohne Zweifel größten Expansionsmöglichkeiten bieten sich für Bayer allerdings im Gesundheitsgeschäft, wo der Konzern mit 1,45 Mrd. Euro im ersten Halbjahr den Löwenanteil seiner Erträge erzielte. Mit der Übernahme von Schering war es Wenning 2006 gelungen, Bayer wieder ins Mittelfeld der Pharmabranche zurückzuführen und die durch den Lipobay-Skandal ausgelöste Krise endgültig zu überwinden. Die Pharmaumsätze von Bayer entwickelten sich in den letzten Jahren etwas stärker als der Markt. Allerdings wird die Luft für weiteres organisches Wachstum zusehends dünner.

Ein Großteil der Bayer-Pharmapalette ist heut patentfrei. Und die beiden Topprodukte des Konzerns, die Antibabypillen Yaz/Yasmin mit Umsätzen von zuletzt 1,2 Mrd. Euro und das Multiple-Sklerose-Medikament Betaferon/Betaseron (1,1 Mrd. Euro), erhalten in diesem Jahr verstärkte Konkurrenz auf dem wichtigen US-Markt.

Für die wichtigsten Hoffnungsträger, das Krebsmittel Nexavar und den Thrombosehemmer Xarelto, bestehen nach wie vor einige Unsicherheiten mit Blick auf das künftige Umsatzpotenzial . Xarelto hat zwar eine Zulassung als Thrombosehemmer zur Behandlung nach bestimmten orthopädischen Operationen in Europa. In den USA hat die zuständige Behörde FDA bisher aber eine Genehmigung bisher verweigert. Für den Einsatz von Xarelto bei Massenerkrankungen, beispielsweise zur Vorbeugung von Schlaganfällen bei Menschen mit Vorhofflimmern, laufen fortgeschrittene klinische Studien. Boehringer Ingelheim hat jedoch in dieser Indikation mit seinem Blutverdünner Pradaxa indessen mindestens ein Jahr Vorsprung.

Das dass Bayer-Management schon heute in den Ausbau der Pharma-Pipeline investiert, zeigt der vor wenigen Tagen besiegelte Kauf von Rechten an dem potenziellen Krebsmittel Alpharadin von der norwegischen Firma Algeta. Es gilt als ausgemacht, dass der künftige Konzernchef auf diesem Kurs noch ein Stück aggressiver vorangeht und nach weiteren Gelegenheiten zur Stärkung des Portfolios Ausschau halten wird. Dass er nebenbei auch im Board des US-Biotechunternehmens Biogen-Idecs sitzt, ist für diese Strategie sicherlich nicht von Schaden.

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