Für IG Metall ist Einigung kein Präzedenzfall
2 000 gerettete Stellen und ein zufriedener Chef

Um 1 Uhr 15 in der Nacht zum Mittwoch erhielt Siemens-Chef Heinrich von Pierer die letzte SMS. Joe Kaeser, Vorstand der Mobilfunksparte, konnte dem Siemens-Chef endlich Vollzug melden. Die Einigung mit Betriebsräten und IG Metall ist unter Dach und Fach – nach monatelangen Verhandlungen.

HB MÜNCHEN. „Ich wollte die Arbeitsplätze in Deutschland erhalten. Das ist mir gelungen, und das freut mich“, sagte ein sichtlich zufriedener von Pierer am Morgen danach. Kein Wunder: Die Gewerkschaften haben weit reichende Zugeständnisse bei Arbeitszeit und Lohn gemacht. Siemens garantiert im Gegenzug die über 4 000 Jobs am Doppelstandort Kamp-Lintfort und Bocholt. Zudem haben beide Seiten eine allgemeine Vereinbarung zur Sicherung der Beschäftigung unterschrieben. Siemens bekennt sich zum Flächentarifvertrag, die 40-Stunden-Woche wird nicht flächendeckend eingeführt.

Fest steht: Die rund 2 000 gefährdeten Arbeitsplätze wandern nicht nach Ungarn ab. Den letzten Ausschlag für das Einlenken der Arbeitnehmer hatte offenbar eine unabhängige Untersuchung von Ernst & Young gegeben. Darin wurde bestätigt, dass ohne Zugeständnisse der Belegschaft die Handy-Fertigung in Deutschland international nicht wettbewerbsfähig ist. Der Fall Siemens hatte eine deutschlandweite Debatte über die Standortbedingungen und längere Arbeitszeiten ausgelöst. Von Pierer geht nun davon aus, dass ähnliche Modelle für andere gefährdete Standorte im Konzern folgen werden. Der Konzernchef sieht sich aber nicht als Vorreiter für die deutsche Industrie: „Wir haben hier ein Siemens-Problem gelöst. Und dabei bleibt es auch.“ IG-Metall-Vize Berthold Huber sagte dem Handelsblatt, die Vereinbarung sei weder ein Modell für andere Siemens- Standorte noch für andere Unternehmen.

Viele Wirtschaftszweige haben die Verhandlungen bei Siemens aber mit Argusaugen verfolgt. Nicht ausgeschlossen, dass es auch dort zu solchen Lösungen kommt. Bayerns Wirtschaftsminister Otto Wiesheu (CSU) lobte bereits: „Das ist der richtige Weg, um Arbeitsplätze und Produktion bei uns zu halten.“ Auch viele Arbeitsmarktexperten sind davon überzeugt, dass mehr Arbeit für weniger Lohn einen Exodus in Niedriglohnländer verhindern kann.

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