Furcht vor Sammelklagen
Kraft Foods speckt seine Produkte ab

Der Lebensmittelkonzern Kraft Foods will seine Fertig-Verpflegung an amerikanischen Schulen umstellen und sie dort auch künftig nicht mehr bewerben. Wie der Konzern am Mittwoch bekannt gab, sollen unter anderem die Portionsgrößen der Fertigmahlzeiten verkleinert und der Fett- und Kaloriengehalt einiger Lebensmittel reduziert werden.

bba/wsj/tor/tel NEW YORK. Kraft Foods reagiert damit darauf, dass viele Amerikaner zunehmend wegen ihres Übergewichts besorgt sind, und versucht, sich gegen potenzielle Sammelklagen zu wappnen. Nach Zahlen des Wellness International Networks ist in Amerika bereits jedes vierte Kind übergewichtig, bei den Erwachsenen sind es 80 %. Viele Bürger geben Lebensmittelkonzernen und Fast-Food-Ketten die Schuld an ihrem Übergewicht und den daraus resultierenden Gesundheitsproblemen. So hat die Fast- Food-Kette McDonald’s bereits eine entsprechende Sammelklage am Hals.

Das Risiko der Sammelklagen gegen die internationale Lebensmittelindustrie wird von Analysten als hoch eingeschätzt. „Die Risiken wurden bislang von den Märkten übersehen“, sagte Arnaud Langlois, Analyst bei der Investmentbank JP Morgan in London. Analysten in New York bezeichnen die Gesundheitsinitiative von Kraft Foods als „einen ersten Schritt“ der Branche, möglichen Klagen zuvorzukommen. „Die Klagen gegen die Tabakindustrie und gegen McDonald’s haben die Unternehmen sensibilisiert“, sagte eine Analystin, die nicht namentlich genannt werden wollte. Sie erwartet, dass andere Lebensmittelkonzerne dem Beispiel von Kraft folgen werden.

Der Nestlé-Konzern sieht dagegen keinen akuten Handlungsbedarf. Nach Angaben eines Sprechers sei man sich aber bewusst, dass es in Amerika ein Umfeld für Sammelklagen gebe. Nestlé setze bereits seit Jahren auf kalorienreduzierte Gerichte und habe auch verschiedene Produktgrößen und Varianten im Programm, um dem Konsumenten die Wahl zu lassen. Die Pepsi Co Inc. dagegen hat bereits im September 2002 den Fettanteil in den Snack-Marken Doritos, Tostitos und Cheetos verringert und bietet zudem kalorienreduzierte Snacks und Getränke an.

Wie Kraft-Sprecher Michael Mudd betonte, sollen die Fertigprodukte von Kraft, die an Schulen häufig in Automaten verkauft werden, allerdings nicht komplett neu überarbeitet werden. Die Details der Umstellung gab der Konzern noch nicht bekannt. Die geplanten Änderungen sollen zunächst einem zehnköpfigen Beraterteam vorgelegt werden. Die Umstellung der Fertigprodukte, zu denen die Marken Oscar Mayer Lunchables und Oreo Cookies gehören, soll vom Jahr 2004 an erfolgen und kann bis zu drei Jahre dauern, so das Unternehmen.

US-Gesundheitsvertreter begrüßten die geplante Umstellung der Kraft-Produkte, zeigten sich aber nur verhalten optimistisch. Ernährungsexpertin Kelly D. Brownell am Yale Center for Eating and Weight Disorders betonte, dass die Initiative von Kraft nur ein erster Schritt sein könne.

Die öffentliche Aufmerksamkeit, die der Nahrungsmittelindustrie in den USA mittlerweile zuteil wird, ist ungewöhnlich. Bislang ist die Branche bei Investoren eher dadurch aufgefallen, dass sie nur langsam wächst, dafür aber sichere Ausgangsbedingungen bietet. Die zunehmende kritische Diskussion über Übergewicht und Fettleibigkeit in der Bevölkerung mache dagegen die gesamte Nahrungsmittelindustrie viel unsicherer, schätzt Caroline Levy, Managing Director des Equity Research bei UBS.

John Coffee, Rechtsprofessor an der Columbia University in New York, warnt hingegen vor einer neuen Klagehysterie. „Die Fälle in der Nahrungsmittelindustrie sind mit den Klagen gegen Tabakkonzerne nicht zu vergleichen“, sagte Coffee. Beispielsweise könnten die Kläger nicht darauf verweisen, dass sie unwissentlich von der Industrie zum Konsum ungesunder Nahrung verführt worden wären. „Hier handelt es sich um selbst verschuldete Gesundheitsschäden“, sagte der Experte für Sammelklagen. Coffee gibt deshalb möglichen Klägern kaum Erfolgschancen.

In Deutschland beobachtet die Ernährungsindustrie zurzeit ebenfalls eine zunehmende Diskussion rund um Ernährung und Übergewicht. Das bestätigte eine Sprecherin des Bundesverbandes der Ernährungsindustrie. Die Nahrungsmittelbranche hat zu dem Thema gerade ein Positionspapier veröffentlicht, in dem sie sich für ein „vielfältiges und sicheres Lebensmittelangebot“ einsetzt.

Quelle: Handelsblatt

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