Industrie

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Fusionen und Übernahmen: Konzerne spielen wieder Monopoly

Es geht wieder los: Getrieben vom Aufschwung und ermuntert durch volle Kassenbestände gehen Konzernlenker rund um den Globus auf Einkaufstour. Neue große Spieler sind Firmenchefs aus China und anderen aufstrebenden Staaten - und begehrt sind nicht nur Rohstoffkonzerne.

Viele Unternehmen haben derzeit Übernahmen im Wert von vielen Milliarden Euro geplant. Quelle: ap
Viele Unternehmen haben derzeit Übernahmen im Wert von vielen Milliarden Euro geplant. Quelle: ap

DÜSSELDORF. Der Satz klingt wie eine Drohung: Yasuchika Hasegawa, Chef des größten japanischen Pharmaherstellers Takeda, kündigte dieser Tage an, er werde "aggressiv" nach Übernahmegelegenheiten in Übersee Ausschau halten, seine Kriegskasse sei mit sieben bis acht Milliarden Dollar (gut sechs Milliarden Euro) gefüllt.

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Andere Konzernchefs reden nicht, sie handeln. Der Bergbaukonzern BHP Billiton bietet mehr als 30 Milliarden Euro für den Düngemittel-Produzenten Potash, um die Brauerei Foster?s buhlen zwei Konkurrenten - der endgültige Preis wird wohl bei mehr als zehn Milliarden Euro liegen. Der französische Energiekonzern GDFSuez hat sich den britischen Stromerzeuger International Power gegriffen und mit einer eigenen Tochter verschmolzen. Der Wert der Transaktion: gut 19 Milliarden Euro.

Eine neue Übernahmewelle rollt an, auch wenn sie sich - noch - nicht zum Tsunami entwickelt hat. Allein in den ersten drei Augustwochen wurden Übernahmen im Wert von 160 Milliarden Euro angekündigt - der höchste Monatswert seit vier Jahren.

Nach Daten des Finanzdienstleisters Thomson haben Unternehmen im ersten Halbjahr 2010 Firmenkäufe im Wert von 800 Milliarden Euro angekündigt, darunter zehn Deals von jeweils rund zehn Milliarden Euro. In einigen Branchen wird das Monopoly aggressiver gespielt als in anderen. Zum Beispiel bei den Rohstoffkonzernen. Der Grund: Viele Manager haben das Gefühl, der Kampf um die Verteilung der immer geringeren Vorkommen geht in die Endrunde. Jeder will deshalb den anderen durch Größe überbieten.

Doch auch in der Lebensmittel- und Pharmabranche wird munter geboten und gekauft. United Biscuits steht bei Campbell Soup auf dem Einkaufszettel, der Industriegasehersteller Airgas soll für 5,5 Milliarden Euro an den US-Konkurrenten Air Products gehen.

Auffällig ist ein weiterer Trend: Immer mehr Angreifer kommen aus Schwellenländern, die relativ unbeschadet durch die Krise gesegelt sind. Laut dem Datenanbieter Dealogic ist das Transaktionsvolumen in den Emerging Markets im Vergleich zum Vorjahr um 60 Prozent gestiegen. Allen voran kaufen Unternehmen aus China, aber auch Konzerne aus Mexiko, Malaysia und Chile setzen auf Zukäufe. So erwarb der mexikanische Telekomkonzern America Movil den Konkurrenten Carso Global Telecom für knapp 22 Milliarden Euro. Brasilianische Unternehmen kauften erstmals für mehr Geld Firmen im Ausland auf, als ausländische in das Land am Amazonas investierten.

Der Boom bei Fusionen und Übernahmen hat selbst die Investmentbanker in der Londoner City überrascht. Ein Manager aus der Lebensmittelbranche, der gerade eine Offerte für einen Konkurrenten vorbereitet, beklagt sich: "Es ist offenbar nicht gerade die ideale Zeit, um in Sachen Übernahmen allzu große Aktivitäten zu entwickeln. Bei den Banken sind noch zu viele Leute im Urlaub, und man muss immer wieder mit Hilfe von Telefon- und Videokonferenzen kommunizieren. Was aber gar nicht so einfach ist."

Die internationalen Investmentbanker haben einfach nicht erwartet, was sich derzeit abzeichnet: ein neues Hoch im Geschäft mit Fusionen und Übernahmen - neudeutsch "Mergers und Aquisitions", kurz M&A. In den drei letzten Krisenjahren lag der M&A-Markt am Boden. Die Banken waren zu schwach, um größere Übernahmen trotz niedriger Zinsen zu finanzieren. Die Unternehmen selbst kämpften ebenfalls mit Verlusten und waren überwiegend mit sich selbst beschäftigt. Doch das hat sich mit dem Aufschwung geändert.

Vor allem die Rohstoffkonzerne strotzen vor Kraft und suchen nach Kaufgelegenheiten. Allein in der vergangenen Woche haben Unternehmen aus der Branche mehr als 50 Mrd. Dollar (40 Mrd. Euro) für Konkurrenten geboten, dazu gehört die Offerte des weltweit größten Rohstoffkonzerns BHP Billiton für den Weltmarktführer unter den Düngemittelherstellern, Potash. "Wir stehen am Beginn der sechsten Übernahmewelle der letzten 100 Jahre", resümiert Günter Müller-Stewens, Strategieprofessor an der Universität St. Gallen.

Übernahmekämpfe treiben Preise in die Höhe

"Unternehmen aus Branchen, die die Wirtschaftskrise glimpflich überstanden haben und die jetzt vom Aufschwung stark profitieren, verfügen bereits wieder über die finanzielle Feuerkraft, um selbst größere Akquisitionen in Angriff zu nehmen", sagt Kreditexperte Gerhard Wolf von der Landesbank Baden-Württemberg.

Seit der Veröffentlichung des Übernahmeangebots Anfang vergangener Woche ist der Börsenwert der kanadischen Potash auf mehr als 45 Mrd. Dollar gestiegen. Der Markt erwartet offenbar, dass BHP Billiton seine Offerte aufstockt - spätestens, wenn ein Konkurrent in den Übernahmekampf einsteigen sollte. Potash-Chef William Doyle heizte entsprechende Gerüchte bereits an: Es gebe jede Menge Unternehmen, die an Potash interessiert seien, sagte er. Börsianer und Investoren fühlen sich schon in die Zeit der New-Economy-Blase zurückversetzt, als die bislang wohl größten Übernahmeschlachten tobten. Und als mit allen Tricks die Preise in die Höhe getrieben wurden. Zum Beispiel mit der Spekulation über Gegenofferten. Einen Unterschied gibt es jedoch: Damals wurde hauptsächlich in Aktien bezahlt, heute ist die Währung Cash.

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Doch was in der Rohstoffbranche schon im großen Stil im Gange ist, gilt auch für andere Bereiche: Übernahmen nehmen zu und werden teurer. Ein Investmentbanker sagt, er erkenne momentan bei vielen Unternehmen wieder Bereitschaft, Transaktionen und damit Risiken einzugehen. Anders als vielleicht vor zwölf Monaten wachse auch bei den Aufsichtsräten das Vertrauen. "Kann ein Deal überzeugen, findet er Unterstützung auch in den Kontrollgremien und bei den Aktionären."

Insgesamt sei der Markt aber noch weit von dem entfernt, was in den Jahren vor Ausbruch der Finanzkrise möglich gewesen sei. Im Boomjahr 2007 lag das Transaktionsvolumen pro Quartal doppelt so hoch wie im erstem Halbjahr 2010. Das liegt auch daran, dass die wirtschaftliche Unsicherheit - etwa in den USA - einige Unternehmen noch bremst. "Das ändert aber nichts an den strategischen Notwendigkeiten der Unternehmen. Insofern baut sich sukzessive ein Rückstau auf", sagt Nikolai Ahrens, Co-Chef von Nomura Deutschland.

Nicht zuletzt deshalb rechnen die Experten der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Pricewaterhouse Coopers (PwC) unter anderem in der Chemiebranche, im Maschinenbau sowie im Bereich Transport und Logistik mit einer weiter steigenden Anzahl von Übernahmen. Als Grundlage dafür sehen sie eine wachsende Zuversicht bei den kaufwilligen Unternehmen, verbesserte Finanzierungsbedingungen und einen stärkeren Fokus auf Wachstum.

Im Chemiesektor spielt auch die Neuordnung der Produktsortimente eine wichtige Rolle. Durch den Verkauf von margenschwachen Randaktivitäten und den Zukauf von Spezialchemieunternehmen versuchen etliche Konzerne, ihre längerfristigen Ertragsperspektiven zu verbessern.

Der Chemieriese BASF etwa erwarb mit diesem strategischen Ziel jüngst den Spezialchemiehersteller Cognis für 3,5 Mrd. Dollar - inklusive Schulden.

Nach Informationen aus Branchenkreisen soll auch der Essener Evonik-Konzern Interesse gehabt haben. Die Darmstädter Merck-Gruppe erweiterte ihr Portfolio durch den Kauf des amerikanischen Laborzulieferers Millipore für 6,9 Mrd. Dollar. Die belgische Solvay ist auf der Suche nach zusätzlichen Chemiesparten, um den Erlös aus dem Verkauf ihres Pharmageschäfts wieder zu investieren. Als potenzielle Kandidaten für Solvay handeln manche Analysten den deutschen Duftstoffhersteller Symrise.

In der Telekombranche rollt der spanische Konzern Telefónica den Markt auf. Ende Juli erwarben die Südeuropäer für 7,5 Mrd. Euro den brasilianischen Mobilfunker Vivo. Die Deutsche Telekom schließt Milliardenübernahmen dagegen gänzlich aus. Der Bonner Konzern gibt sich bescheiden und will sich nur mögliche Ziele mit einem Wert von weniger als eine Milliarde Euro anschauen.

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Auch wenn der deutsche Branchenprimus kein Interesse zeigt: In Europa gilt der niederländische Konzern KPN bereits seit Jahren als Übernahmekandidat. KPN ist vor allem wegen der deutschen Mobilfunktochter E-Plus interessant. Und diese würde ideal zu den Aktivitäten von Telefónica passen. Die Spanier sind hierzulande ebenfalls mit einem Mobilfunk- und einem Festnetz vertreten. Ob sich Telefónica nun gleich in das nächste Übernahmeabenteuer stürzen wird, bezweifeln Branchenkenner. KPN dürfte also weiterhin im Angebot bleiben.

Kaufgelegenheiten gibt es auch in anderen Branchen. Als akuter Übernahmekandidat gilt derzeit der Pharma-Großhändler Celesio. Der Stuttgarter Konzern wird zwar im MDax gehandelt, befindet sich aber mit einem Anteil von 56 Prozent im Besitz der Familiendynastie Haniel.

Das aber könnte sich bald ändern. Haniels Vorstandschef Jürgen Kluge schwebt ein tiefgreifender Konzernumbau vor, seitdem er im Januar die Führung übernommen hat.

Statt weniger Großengagements soll sich der Duisburger Mischkonzern nach Kluges Willen lieber auf mehrere kleine und mittlere Beteiligungen konzentrieren. "Es darf keine Tabus geben", sagte er dem Handelsblatt deshalb zu Gerüchten, Haniel wolle die Mehrheit an Celesio abgeben. Schon jetzt darf er mit einem erheblichen Kaufinteresse rechnen. Gleich mehrere Finanzinvestoren und Medikamentenvertreiber hatten sich zuletzt um den Celesio-Wettbewerber Phoenix bemüht, den die VEM-Holding des verstorbenen Unternehmers Adolf Merckle zum Verkauf gestellt hatte. Weil VEM die Tochter nun aber doch behalten will, erwarten Analysten wie Thomas Maul von der Frankfurter DZ Bank, dass sich die potenziellen Bieter mit der Übernahme des Konkurrenten Celesio trösten könnten.

Viel Bewegung in der Pharmabranche

Gute Kaufchancen werden dabei dem Gesundheitsdienstleister Medco aus New Jersey eingeräumt, der seit kurzem mit der Drogeriekette dm den deutschen Arzneimittelmarkt testet. Auch der weltweit größte Pharmahändler McKesson aus San Francisco könnte bei Celesio zugreifen. Inklusive eines vermutlichen Paketaufschlags von 25 Prozent könnte Haniel für die Pharmatochter nach aktuellem Börsenwert zwei Mrd. Euro einstreichen.

Möglicherweise werden auch einige Finanzinvestoren wieder stärker im M&A-Geschäft mitmischen. Die einst von SPD-Chef Franz Müntefering als Heuschrecken bezeichneten Investoren sind aus ihrer Krisenstarre erwacht, inzwischen stemmen sie wieder 15 Prozent der Fusionen und Übernahmen. Im Krisenjahr 2009 war ihr Anteil gegenüber strategischen Käufern auf zehn Prozent gefallen, wie eine Untersuchung des Finanzdienstleisters Thomson Financial ergab. Von den Jahren 2006/07 sind die Werte allerdings noch weit entfernt: Damals tätigten die Finanzinvestoren ein Viertel aller Deals.

Laut der Fachzeitschrift "M&A-Review" hat Goldman Sachs den Spitzenplatz unter den Investmentbanken verteidigt. Goldman Sachs hatte im ersten Halbjahr 2010 einen Marktanteil von 9,2 Prozent, auf Platz zwei und drei folgen Morgan Stanley und die Deutsche Bank.

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mjh/shf/lou/hgn/kte/cs/slo/rp

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