Gasförderung
Europa hängt an der Pipeline

Rund 15 Jahre lang wurde diskutiert – heute fällt der Startschuss für eines der ehrgeizigsten Infrastrukturprojekte der europäischen Energiewirtschaft: Im russischen Babajewo, knapp 800 Kilometer nördlich von Moskau, beginnt der Bau der Nordeuropäischen Gaspipeline (NEGP), die die Gasfelder in Sibirien erstmals durch die Ostsee mit Europa verbinden soll. Das Projekt ist gewaltig, aber auch umstritten.

HB MOSKAU. Die Pipeline sei nötig, um den zusätzlichen Gasbedarf Europas zu decken, betonen die beteiligten Unternehmen Gazprom, Eon und BASF. Sie werde die Abhängigkeit von Russland weiter erhöhen, halten Kritiker dagegen.

Die Ostseepipeline wird über 1 200 Kilometer verlegt und in der Nähe von Greifswald enden. Von dort aus kann das Gas nach Süden und Westen – bis nach Großbritannien – transportiert werden. Zunächst ist ein Strang geplant, der ab 2010 rund 27,5 Milliarden Kubikmeter Erdgas transportieren soll; vermutlich wird ein zweiter Strang mit gleicher Kapazität gebaut. Die Partner würden mehr als vier Mrd. Euro investieren.

„Der Gasverbrauch in Europa wird sich sprunghaft erhöhen, wir müssen mehr Gas importieren – und unterstützen deshalb das Projekt“, sagt EU-Energiekommissar Andris Piebalgs. Nach Zahlen der International Energy Agency (IEA) wird die Nachfrage in Europa nach Gas im Zeitraum von 2003 bis 2030 im Durchschnitt um 1,5 Prozent pro Jahr steigen – von 520 auf 778 Milliarden Kubikmeter. Das Wachstum erwarten die Experten vor allem in der Stromerzeugung. Moderne Gaskraftwerke sollen zunehmend Atom- und Kohlekraftwerke ersetzen.

„Wenn das alles so kommt, werden die Kapazitäten der Ostseepipeline rasch genutzt“, sagt der Essener Energieprofessor Dieter Schmitt. „Je höher der Gaspreis aber steigt, umso fragwürdiger werden die Prognosen.“ Noch vor zwei Jahren galten Gaskraftwerke als die Wachstumsbringer schlechthin, heute haben sie durch den Preisanstieg viel von ihrer Wirtschaftlichkeit eingebüßt.

Das Gazprom-Management interessieren die Marktprognosen nur am Rande. Für den russischen Konzern hat die direkte Verbindung nach Europa vor allem strategische Bedeutung. Bislang laufen die Leitungen durch Transitstaaten wie Polen und die Ukraine, die sich den Transport bezahlen lassen und bei Neubauten quer legen. Mit der neuen Pipeline kann Gazprom die Bedingungen diktieren – und etwa Abzweige nach Skandinavien bauen.

Europa muss sich eine andere strategische Frage stellen: Wie abhängig wollen sich die Staaten von russischem Erdgas machen? Für Deutschland etwa ist Russland schon heute mit 35 Prozent der wichtigste Lieferant, Tendenz steigend. Der Importbedarf Europas wird weiter steigen, weil eigene Reserven – etwa die vor der britischen Nordseeküste – zur Neige gehen. „Wir benötigen keine neue Pipeline nach Russland, wir benötigen neue Bezugsquellen“, sagt ein hochrangiger Energiemanager, dessen Unternehmen nicht in das Konsortium einsteigen will. Realistische Alternativen gibt es bislang kaum. Per Pipeline kann nur norwegisches Gas konkurrieren.

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