Gasförderung in Österreich
Dallas im Weinviertel

Weil die Gaslieferungen aus Russland nicht mehr sicher sind, besinnt sich der österreichische Energieversorger OMV auf seine heimischen Reserven. Und wer klug bohrt, der findet: Schon bald soll das Weinviertel bei Wien ein Drittel des inländischen Verbrauches decken.

STRASSHOF. Der Bohrer rotiert, frisst, spült. Es gurgelt, der Boden vibriert, und alle schnuppern: Gas? Noch nicht. Hildegard Möhrmann, genannt die „wilde Hilde“, ist unzufrieden. Erneut versucht sie, ihr dunkles Haar mit einem Reif zu bändigen. Drei Meter Bohrfortschritt pro Stunde sind ihr zu wenig. Sie will mehr, das Doppelte.

Laut Karte hätten sie schon gestern in knapp drei Kilometer Tiefe das Gasfeld treffen müssen. Wie ein zum Hohn ausgestreckter Mittelfinger überragt der riesige Bohrturm die flache Landschaft eine halbe Autostunde nordöstlich von Wien.

„Weinbauviertel“ nennen die Österreicher diese Gegend mit ihren kargen Wiesen. Früher war sie Zonenrandgebiet. Aber in dieser Steppe wächst auch Grüner Veltliner, jener säuerliche Wein, dem halb Österreich gerne zuspricht.

Und bald soll von hier aus noch eine andere Nachfrage gedeckt werden: die nach Erdgas. 59 Prozent seines Erdgases importiert Österreich aus Russland. Lange bevor die Gaskrise zwischen Russland und der Ukraine Anfang Januar die Gefahren der Abhängigkeit offen legte, begannen die Österreicher mit der Suche im „Weinbauviertel“. Knapp ein Drittel des Gasverbrauchs sollen künftig eigene Quellen decken.

Deshalb nennt Reinhart Samhaber den Landstrich nur „OMV-Country“. Klingt nach Lagerfeuer, Schwielenhänden und Ölprinzen. Samhaber, der Auftraggeber der ungeduldigen Hilde, kurvt mit seinem Geländewagen über gefrorene Feldwege. Der Ingenieur leitet in Österreich das Förder- und Produktionsgeschäft der „OMV“. Das ist jenes Unternehmen, das 2004 mit dem Kauf der rumänischen Petrom zum größten Energieversorger Mitteleuropas aufgestiegen ist, im Jahr zehn Milliarden Euro umsetzt, und das sich redlich müht, endlich das Image eines verstaubten Staatsbetriebs abzulegen.

Samhaber, der schon in Pakistan und Libyen nach Öl und Gas suchte, parkt den Wagen am Zaun von „Erweiterungsbohrung Strasshof T5“ – in Fahrtrichtung. Damit er, falls was hochgeht, so schnell wie möglich wegkommt. Pro Tag versenkt Samhaber unter dem Weinviertel 100 000 Euro, um endlich das größte Gasfeld auf dem mitteleuropäischen Festland anzupieksen.

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