Gaskonzern erwägt Einstieg bei Versorger
Gazprom hat RWE auf dem Radar

Der russische Energiekonzern Gazprom lotet offenbar den Einstieg bei RWE aus. Gazprom sondiere mehrere Optionen, sich bei westeuropäischen Versorgern einzukaufen, hieß es in Kreisen des Unternehmens: „RWE steht dabei oben auf der Liste.“ Eine Mehrheitsübernahme dürfte dabei angesichts der komplexen Aktionärsstruktur von RWE aber nicht im Fokus stehen. Als eher wahrscheinlich wird in Branchenkreisen eine Minderheitsbeteiligung in Kombination mit einer strategischen Partnerschaft gesehen – etwa beim Vertrieb von Gas oder dem Bau von Kraftwerken.

DÜSSELDORF/MOSKAU. Während es in den Unternehmenskreisen heißt, noch seien die Überlegungen in einem sehr frühen Stadium, wird in Finanzkreisen schon über konkrete Schritte spekuliert. Investmentbanker berichten über den Aufkauf von RWE-Aktien aus Russland. Die Käufe würden durch mehrere Quellen getätigt, um nicht die Meldeschwelle von fünf Prozent zu überschreiten, hieß es. Ob dahinter aber Gazprom oder russische Finanzanleger stehen, blieb unklar. RWE wollte sich zu den Spekulationen nicht äußern, von Gazprom war eine Stellungnahme nicht zu erhalten.

Eine Beteiligung an RWE würde in die Strategie des weltgrößten Gaskonzerns passen, glaubt ein hochrangiger russischer Investmentbanker. Gazprom-Chef Alexej Miller macht keinen Hehl daraus, dass der Produzent, der über rund ein Viertel der weltweiten Gasreserven verfügt, auch im Vertriebsgeschäft in Westeuropa Fuß fassen will, um auch hier die Margen abzuschöpfen. Im vergangenen Jahr hatten Gazprom-Manager wiederholt Interesse am britischen Versorger Centrica geäußert. Auch wird schon seit längerem an einem Einstieg bei deutschen Versorgern – Stadtwerken aber auch Großkonzernen wie RWE – spekuliert. Konkrete Schritte hat die Gazprom-Führung bislang aber nicht unternommen – auch bei Centrica ist es bei vagen Andeutungen geblieben.

RWE gilt spätestens seit dem Verkauf von Thames Water als potenzieller Übernahmekandidat. Das inzwischen weitgehend auf das Kerngeschäft fokussierte Unternehmen hat in den vergangenen Jahren radikal Schulden abgebaut und verfügt inzwischen über eine positive Nettofinanzposition von 2,2 Mrd. Euro. Durch den Verkauf von Thames Water sei der Unternehmenswert – der Marktwert an der Börse plus Schulden und Rückstellungen –, den ein Käufer für den gesamten Konzern auf den Tisch legen müsste, um zwölf auf 67,5 Mrd. Euro gesunken, rechnet Analyst Matthias Heck von Sal. Oppenheim vor. „Dass sich Gazprom für RWE interessiert, ist absolut plausibel“, meint Heck. Wenn der Konzern in Deutschland ins Vertriebsgeschäft einsteigen wolle, gebe es nicht viele gute Möglichkeiten – RWE sei eine davon.

In RWE-Kreisen hieß es, dem Konzern sei nichts von auffälligen Transaktionen am Aktienmarkt bekannt. Dass der Konzern im Fokus von Gazprom stehen könnte, wird zwar nicht ausgeschlossen. Dass der russische Konzern die Mehrheit oder gar das gesamte Unternehmen übernehmen könnte, wird aber nicht befürchtet.

Tatsächlich hat RWE eine komplexe Eigentümerstruktur, die einen feindlichen Übernahmeversuch abblocken dürfte. Neben größeren Aktionären wie Allianz, Münchener Rück, privaten und Institutionelle Anlegern sind auch zahlreiche Kommunen und Kreise beteiligt. Nach den letzten verfügbaren Daten halten letztere 31 Prozent der Aktien. Zwar haben einige Kommunen angekündigt, ihre Anteile zu verkaufen, viele Städte wie Essen oder Dortmund sehen das Investment aber als strategische Beteiligung.

Zudem dürfte eine Mehrheitsbeteiligung auf kartellrechtliche Bedenken stoßen. Gazprom ist schließlich mit Gashändler Wingas und diversen anderen Aktivitäten schon stark in Deutschland aktiv. Im Bundeskartellamt hieß es, man würde sich die Auswirkungen genau anschauen. Gazprom würde aber behandelt wie jedes andere Unternehmen auch.

In Branchenkreisen wird eher für wahrscheinlich gehalten, dass der russische Konzern an einer Minderheitsbeteiligung interessiert sein könnte, flankiert von einer strategischen Partnerschaft. Die fünf Mrd. Euro, die er etwa für zehn Prozent aufwenden müsste, könnte der Konzern locker finanzieren. Obwohl das Investitionsprogramm des Monopolisten für 2007 bis 2009 Analysten enttäuschte: Gazprom plant insgesamt Ausgaben von 70 Mrd. Dollar – knapp 20 Mrd. sind für Akquisitionen vorgesehen und sechs Mrd. Dollar für rein finanzielle Investitionen. Eventuell wäre Gazprom auch an der Beteiligung an einem RWE-Regionalversorger interessiert.

Profitieren könnten davon beide Seiten. RWE ist schon länger an einer engeren Beziehung zu Gazprom interessiert, Vorstandschef Harry Roels hatte mehrmals mit der Gazprom-Führung über eine Beteiligung an Förderprojekten und neue Importverträge verhandelt. Zwischen den Konzernen gibt es regelmäßige Kontakte in Moskau, wie Branchenkreise bestätigen.

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