Gasmarkt
EnBW-Chef scheitert im Osten

Eigentlich will sich EnBW am ostdeutschen Großhändler Verbundnetz Gas beteiligen. Aber diesen Versuch wird der Energiekonzern vermutlich bald aufgeben, wie das Handelsblatt erfahren hat. EnBW hat aber einen Hintergedanken.
  • 0

Jürgen Flauger

Düsseldorf

Energie Baden-Württemberg (EnBW) hat nach Informationen des Handelsblatts den Machtkampf mit dem russischen Branchenriesen Gazprom um die Vormachtstellung auf dem ostdeutschen Gasmarkt verloren. Der Energiekonzern wird voraussichtlich seine Pläne, beim Leipziger Gasgroßhändler Verbundnetz Gas (VNG) einzusteigen und diesen möglichst zu kontrollieren, vorerst aufgegeben. Das verlautete aus Unternehmenskreisen. Gleichzeitig wird der Aufsichtsrat des Unternehmens Ende des Monats die Weichen für den Verkauf der Geso Energieholding stellen, die mehrere Beteiligungen an Versorgern in Sachsen hält. Damit zieht sich EnBW weitgehend aus Ostdeutschland zurück.

EnBW-Chef Hans-Peter Villis hatte im Sommer 2008 einen Expansionsschritt gewagt, um sein Unternehmen aus Süddeutschland bundesweit und vor allem im traditionell schwachen Gasgeschäft voranzubringen. Für 2,1 Mrd. Euro beteiligte sich die Nummer drei auf dem deutschen Energiemarkt mit 26 Prozent am Oldenburger Regionalversorger EWE, der Nummer fünf. In erster Linie reizte Villis aber deren 48-Prozent-Anteil an VNG. Der drittgrößte deutschen Gasgroßhändler gilt als eine Art ostdeutsche Ruhrgas. VNG importiert Gas aus Russland und Norwegen und verkauft es an Stadtwerke und Industrieunternehmen. 2008 setzte das Unternehmen 5,5 Mrd. Euro um. Gemeinsam wollten sie weitere Anteile erwerben, und in einem Joint Venture sollte die EnBW die lukrative Gesellschaft kontrollieren. Im Frühjahr vereinbarten die beiden Partner den formellen Verkauf der VNG-Aktien an EnBW.

Das VNG-Paket bleibt vorerst bei EWE

Der Plan ist nun aber offenbar vorerst gescheitert. Das VNG-Paket soll weiter bei EWE bleiben, wie es in den Kreisen heißt. EnBW will sich mit einer Kaufoption aber zumindest die Chance erhalten, mit einigem Abstand einen neuen Anlauf zu starten. Endgültig entschieden sei zwar noch nichts, es sei aber in Anbetracht der verfahrenen Situation die einzige sinnvolle Variante, heißt es. Ein Sprecher des Unternehmens wollte dies nicht kommentieren. Er sagte nur, dass sich das Unternehmen intensiv mit der Zukunft von VNG beschäftige.

EnBW-Chef Villis ist faktisch zum Rückzug gezwungen, nachdem der Versuch, die Mehrheit zu erlangen, gescheitert ist. Villis wollte dem VNG-Aktionär GDF Suez dessen Fünf-Prozent-Paket abkaufen. Der andere VNG-Aktionär, Gazprom, pochte daraufhin allerdings auf Vorkaufsrechte und steht nun selbst vor der Übernahme der Anteile. Gemeinsam mit seinem Partner Wintershall würden die Russen dann eine Sperrminorität halten. Sie beherrschen den wichtigen Importeur auch operativ und haben ihren Einfluss gegen den Angreifer aus Baden-Württemberg verteidigt. Eine Sperrminorität hat zudem ein Gruppe ostdeutscher Kommunen. Auch sie stehen ebenso wie das VNG-Management EnBW kritisch gegenüber.

Da es sich um vinkulierte Namensaktien handelt, würde Villis eine Mehrheit der Stimmen benötigen, um eine Übertragung der Anteile auf sein Unternehmen durchsetzen zu können. EnBW will jetzt auf Zeit spielen und hofft, dass sich längerfristig die Fronten zwischen den Aktionären entspannen. Insbesondere hofft Villis, dass ein Teil der Kommunen sich mit gewissem Abstand doch noch auf die Seite seines Unternehmens schlagen könnte.

Für die Halteposition muss er aber ein Opfer bringen: den Verkauf der ebenfalls lukrativen Geso. Das Bundeskartellamt hatte für die Allianz mit EWE zur Auflage gemacht, dass sich EnBW entweder von dem sächsischen Versorger trennt oder VNG an einen Dritten veräußert. Am 30. November trifft sich der EnBW-Aufsichtsrat. Er wird zwar noch keine Entscheidung treffen. Schließlich liegt noch kein unterschriftsreifes Angebot vor. Er soll aber die Weichen für die neue Strategie stellen.

Lediglich der Verkauf der in Dresden ansässigen Geso, die zuletzt 900 Mio. Euro umsetzte, dürfte Villis vergleichsweise leichtfallen. EnBW liegen Angebote von mehr als 900 Mio. Euro vor - das ist mehr, als ursprünglich erwartet worden war. Als Favorit gilt der tschechische Versorger CEZ. Es gibt aber noch andere Interessenten, beispielsweise den australischen Finanzinvestor Macquarie oder die Stadt Dresden. EnBW muss dem Bundeskartellamt bald mitteilen, ob Geso verkauft wird. Für den Abschluss der Transaktion hat sie dann aber noch bis Sommer 2010 Zeit. "Es gibt keinen Zeitdruck", sagte der Sprecher.

Strategieschwenk ist gut für das Rating

Der bevorstehende Rückzug bei VNG wird in Unternehmenskreisen dagegen unterschiedlich bewertet. In Villis' Umfeld heißt es, der Konzern halte sich alle Optionen weiter offen und stehe schon jetzt besser im Gasgeschäft da als vor der Allianz mit EWE. Kritiker sehen die Expansionsstrategie des Vorstandschefs, der vor zwei Jahren Utz Claassen ablöste, dagegen als komplett gescheitert an. "Villis hat über zwei Milliarden bezahlt, weil er dachte, er könnte sich VNG mit einverleiben", sagt ein Manager, "jetzt steht er mit einer überteuerten Beteiligung an EWE da."

EWE dürfte mit der Halteposition gut leben können. Sie hat den VNG-Anteil schon in den vergangenen zwei Jahren nur noch als Finanzbeteiligung geführt. Zuvor hatte sie sich mit dem bisherigen Konsortialpartner, den Kommunen, verkracht und sich mit den vergleichsweise üppigen Dividenden begnügt. Auch für die angespannten Finanzen von EnBW ist die Lösung gut. Das Unternehmen steht bei den Ratingagenturen Standard & Poor's und Moody's auf dem Prüfstand. Für das 48-Prozent-Paket hätte EnBW rund 1,4 Mrd. Euro zahlen müssen. Ohne weitere Anteile hätte sie die VNG aber nicht konsolidieren können, damit den Verschuldungsgrad nach oben getrieben - und das Rating gefährdet.

Kommentare zu " Gasmarkt: EnBW-Chef scheitert im Osten"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%