Gazprom
Schlacht um Sibiriens Schätze beginnt

Der russische Energiekonzern Gazprom sitzt auf gewaltigen Vorräten und will nach Europa expandieren. Auf der Hauptversammlung am Freitag stehen die Pläne zur Diskussion.

DÜSSELDORF. Das also ist der Schatz, den alle suchen. Zwei Arbeiter in Blaumännern kippen schaufelweise Sand auf den schwarzen Schlamm um den rostigen Bohrturm. „Havaria“, murmeln sie – ein Unfall. Der rostige Riese hat durch einen Riss Bohrschlamm gespuckt. „Da kommt Sand drüber, und man sieht nichts mehr“, meint Eduard Chudajnatow, ein Schnauzbartträger mit grauen Strähnen im kurz geschorenen schwarzen Haar. „Hier stehen eben alte Dinger. Die sind zwar nicht sauber und schön, aber genau.“

Hoch oben im Turm versucht Schweißer Wolodja, das gerissene Rohr abzudichten. „Tschut-tschut!“, ein bisschen, brüllt er seinen Kollegen zu, und Wanja lässt mit heftigem Dröhnen die Stahltrossen knacken, die das Bohrgestänge halten.

Wanja, bürgerlich Iwan Iwanowitsch Matukno, ist 51 Jahre alt und der „Burilschik“ auf dem Turm, der Bohrmeister. „Trud“ (Arbeit) steht auf seinem dreckverkrusteten Helm, der ganze Unterkiefer ist mit Goldzähnen besetzt, die blitzen, wenn er langsam spricht: „622 Meter tief bohren wir schon, auf 1045 müssen wir noch runter. Da lauert das fette Gas in einer 100 Meter dicken Schicht.“ Hinter ihm hieven Arbeiter Rohre hoch, schmieren Fett ins Gewinde, legen den Stahlmantel des Krans um das Gestänge und lassen das Bohrrohr in der Tiefe versinken.

Willkommen auf Juschno-Russkoje, jenem gigantischen Gasfeld, das mindestens 700 Milliarden Kubikmeter Erdgas birgt und deshalb als eines der wertvollsten weltweit gilt. Und um das eine Schlacht entbrannt ist: BASF ist schon da, Eon will noch und die italienische Eni erst recht. Alle wollen Teilhaber der Gazprom hier in Sibirien werden. Doch der Moskauer Riese hat seit neuestem eine Gegenforderung: Gemeinsame Förderprojekte gibt es nur noch dann, wenn der westliche Partner den Russen die Tür zum europäischen Markt öffnet. Über diese Expansionsstrategie werden die Gazprom-Aktionäre auf der heutigen Hauptversammlung in Moskau genauso beraten wie über dringend nötige neue Förderprojekte. Denn ohne neue Quellen kann Gazprom den wachsenden Gasbedarf daheim und in Europa nicht mehr lange decken.

Juschno-Russkoje kommt dabei eine Schlüsselrolle zu. Das gewaltige Gasfeld soll in Zukunft auch die geplante neue Ostseepipeline speisen, die die vom Kreml kontrollierte Gazprom zusammen mit Eon-Ruhrgas und der BASF-Tochter Wintershall auf dem Meeresgrund von Wyborg nach Greifswald verlegen will.

Zurück in Sibirien. Wer aber hierher will, muss an Chudajnatow vorbei. „Ich bin Eduard und der Generaldirektor hier“, sagt der kleine, untersetzte 45-Jährige mit dem himbeerfarben-violetten T-Shirt unter seinem braunen Cordanzug und einer Lederjacke mit weißem Pelzkragen. Als er gerade in den Hubschrauber springen will, blafft ihn eine Flughafen-Angestellte an, die mit imposantem Hut auf dem hochgesteckten Haar im tiefsten Sibirien auf Sommerfrische macht: „Haben Sie für den Flug auch die Genehmigung des Geheimdienstes?“ „Ist das ein Scherz oder Ernst“, brüllt der Chef in den Lärm der Rotorblätter zurück: „Ich bin doch von der Gegenaufklärung. Und das sind alles deutsche und amerikanische Spione“, ruft er den Kameramännern und Fotografen zu, denen der Herr der Taiga, Chef der Konzerntochter Severneftegazprom und frühere Mitarbeiter des Kremls nun sein Reich aus der Luft zeigen will. Die Angestellte rückt lächelnd ab, der orangefarbene Helikopter windet sich in die Luft.

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