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27.06.2008 
Wechsel im Aufsichtsrat

Gazprom setzt aufs Ausland

von Thomas Wiede

Wenn heute der neue Gazprom-Aufsichtsrat gewählt wird, dürfte sich zwar ein Generationswechsel vollziehen. Für den Staats-Konzern wird sich dadurch aber nicht viel verändern. Dass liegt auch an den fundamentalen Daten des größten Gasproduzenten der Welt.

Wichtige Entscheidungen beim russischen Gazprom-Konzern werden nach wie vor von der politischen Führung des Landes getroffen. Foto: APLupe

Wichtige Entscheidungen beim russischen Gazprom-Konzern werden nach wie vor von der politischen Führung des Landes getroffen. Foto: AP

MOSKAU. Aller Voraussicht nach rückt der 67-jährige Wiktor Subkow, derzeit einer der Stellvertreter von Russlands Premierminister Wladimir Putin, an die Spitze des Kontrollgremiums, dem sechs Jahre Dmitrij Medwedjew (42) vorstand – seit Mai Russlands Präsident. Für den staatlich kontrollierten Gaskonzern, der schon heute eines der wertvollsten Unternehmen der Welt ist, wird sich nach Ansicht von Analysten dadurch aber nicht viel ändern. „Wer an der Spitze des Aufsichtsrats steht, ist absolut unwichtig“, meint Pawel Kuschnir von der Deutschen Bank in Moskau.

Obwohl sich der Aufsichtsrat einmal im Monat trifft – und damit viel öfter als zum Beispiel bei deutschen Großkonzernen – galt unter Beobachtern auch bereits für die Zeit unter Medwedjew, dass wichtige Entscheidungen in der politischen Führung des Landes getroffen werden.

Hinzu kommt nach Ansicht von Kuschnir, dass die fundamentalen Daten des größten Gasproduzenten der Welt derzeit stimmen. Künftige Projekte werde der Konzern auf einer Ölpreisbasis von 120 Dollar pro Barrel (je 159 Liter) finanzieren, allein im laufenden Jahr dürfte Gazprom einen freien Cashflow von 20 Mrd. Dollar generieren. Die jährlichen Investitionen, die das Management ab 2008 mit rund 34 Mrd. Dollar anpeilt, könne der Konzern ohne weiteres stemmen, vor allem wenn die angelaufenen Projekte wie die Entwicklung des Gasfelds Schtokman abgeschlossen sind. Gazprom bleibt bei seiner konservativen Investitionsstrategie: Geld fließt erst dann in neue Vorhaben, wenn das Gas daraus verkauft ist.

Zum laufenden Investitionsprogramm, das bis 2020 Ausgaben in Höhe von rund 420 Mrd. Dollar vorsieht, gibt es aber keine Alternativen: Der Konzern muss seine reifen Felder in Westsibirien durch neue ersetzen, um seine Lieferverträge erfüllen zu können.

Wegen der drastischen Verteuerung von Rohöl hat das Management die Umsatzprognose für das Auslandsgeschäft kräftig angehoben, da der Gaspreis an den für Öl gekoppelt ist. Für 2008 erwartet der Konzern einen durchschnittlichen Exportpreis von 400 Dollar pro 1 000 Kubikmeter, das sind 130 Dollar über dem Niveau von 2007. Gazprom-Chef Alexej Miller rechnet gar mit einem weiteren Anstieg des Ölpreis auf über 250 Dollar – Gazprom werde seinen Marktwert in den kommenden sieben Jahren auf eine Billion Dollar verdreifachen können, erklärte der CEO jüngst. Die überwiegende Menge der Lieferungen nach Westeuropa ist in langfristigen Verträgen, die eine fixe Preisformel beinhalten, festgelegt. Der größte Abnehmer in Europa, Wingas – ein Joint Venture der BASF-Tochter Wintershall mit Gazprom, hatte erst kürzlich die bestehenden Verträge um 13 Jahre bis zum Jahr 2043 verlängert.

Das Auslandsgeschäft wird für die Umsatz- und Gewinnentwicklung immer wichtiger, obwohl Russland die künstlich niedrigen Gaspreise im Inland auf das Exportniveau anheben will – abzüglich Steuern und Transportkosten. Die endgültige Preisformel steht aber noch nicht fest. Die internationale Expansion bleibt daher oben auf der Tagesordnung: So will der Konzern das Geschäft in Großbritannien kräftig ausbauen und beäugt Möglichkeiten, sich in den USA an LNG-Projekten (Gasverflüssigung) zu beteiligen.

In Konzernkreisen herrscht daher keine große Begeisterung über den aktuellen Vorstoß von Eon, für die seit über zwei Jahren geplante Beteiligung am Gasfeld Juschno Russkoje „nur“ eigene Aktien zurückzuerhalten. Gazprom wird aber eine Kaufoption für einen Anteil von 20 Prozent in Gazprom Neft einlösen, den derzeit Eni hält.

Zu den größten Risiken zählen Analysten derzeit eines der Kernprojekte Gazproms: die Ostseepipeline. Nach wie vor kämpfen die Beteiligten, darunter Eon und BASF, vor allem um ein Einvernehmen mit Schweden. Der Zeitplan hat sich bereits verschoben. „Wenn die Pipeline in vier Jahren nicht einsetzbar ist, hat Gazprom ein Kapazitätsproblem beim Transport“, erwartet Kuschnir.

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