Gazprom
Von Putins Gnaden

Der russische Energiekrake Gazprom streckt seine Tentakel immer weiter nach Westen aus. Nur langsam dämmert den Europäern, mit wem sie es zu tun bekommen.
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PRAG. Wenige Stunden nachdem der Killer in einem Moskauer Treppenhaus den vierten Schuss aus seiner Makarow auf die Journalistin Anna Politkowskaja abgefeuert hatte, meldete sich der Chefredakteur der Tageszeitung "Iswestija" zu Wort: Der Mord habe "nicht das Geringste" mit Politkowskajas kritischen Berichten zu tun, versichert Wladimir Mamontow. Die Journalistin schrieb für eine der letzten unabhängigen Zeitungen Russlands. Angesichts der Tatsache, dass sie mit ihren kritischen Berichten über Moskaus Tschetschenien-Politik immer wieder den Ärger des Kremls und seiner Vasallen in Grosny erregt hatte, nahm kaum jemand Mamontow seine These ab. Wahrscheinlich nicht einmal er selbst. Aber Mamontow steht auch nicht umsonst an der Spitze der "Iswestija".

Er ist Chefredakteur von Gazproms Gnaden, installiert, nachdem der staatliche Energiegigant die zuvor noch relativ ausgewogene Traditionszeitung vor einem Jahr seinem krakenähnlichen Organismus aus Tochtergesellschaften und Beteiligungen einverleibt hat. Seit der Übernahme schlüpft kein unfreundliches Wort über die Politik des russischen Präsidenten Wladimir Putin mehr durch die Hauszensur.

Das Unternehmen, dem Putin die neue Sympathie der "Iswestija" verdankt, dient ihm, als sei es sein Eigentum. Gazprom, das größte Unternehmen Russlands, an der Börse mehr als 250 Milliarden Dollar wert, Herr über ein Fünftel der globalen Erdgasvorräte und Arbeitgeber von 330 000 Menschen, engagiert sich dort, wo der Präsident es wünscht. Der von Putin eingesetzte Vorstandschef Alexeij Miller gebietet über ein Geflecht aus mehr als 150 Tochterfirmen und Beteiligungen rund um den Globus in den unterschiedlichsten Branchen.

Zentral für die weltweite Gazprom-Strategie ist Westeuropa und dort vor allem Deutschland. Die Russen wollen am ge- » winnträchtigen Geschäft mit den Endverbrauchern teilnehmen - und haben nach allen möglichen Partnern die Fühler ausgestreckt. Bei der Gas-Handelsgesellschaft Wingas, die die Russen gemeinsam mit der Kasseler BASF-Tochter Wintershall betreiben, erhöhen sie ihren Anteil von 35 Prozent auf demnächst 50 Prozent minus eine Aktie. Gleichzeitig gründen sie mit den Kasselern ein Joint Venture namens Wingas Europe, das den Gashandel in vielen westeuropäischen Märkten beherrschen soll. Darüber hinaus haben die Russen Wintershall und E.On am Riesenprojekt Ostsee-Pipeline beteiligt, über das Putins Lieblingsdeutscher Gerhard Schröder als Vorsitzender des Aktionärsausschusses formal die oberste Aufsicht führt. Und in der Branche wollen Gerüchte nicht verstummen, Gazprom könnte gar nach BASF selbst greifen.

Ein weiterer Paukenschlag war der vor kurzem verkündete Sponsor-Vertrag über 125 Millionen Euro mit dem Fußball-Bundesligisten Schalke 04. Ziel des Engagements: Die frisch in Gazprom Germania umgetaufte Deutschland-Tochter ZGG als Marke im Endkundengeschäft zu etablieren. Das Faible Gazproms für das Ruhrgebiet beschränkt sich keineswegs auf Sport: Allem Anschein nach haben die Russen großes Interesse am geplanten Börsengang der RAG im kommenden Jahr sowie am Energiekonzern RWE, an dem zahlreiche Kommunen zusammen rund 30 Prozent der Aktien halten: Viele Stadtkämmerer suchen nach einer Gelegenheit, die Anteile zu Geld zu machen.

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