Gazprom will Rosneft-Übernahme bereits bis zum Jahresende abwickeln
Russland greift auf Industrie zu

Der russische Staat bringt große Teile der heimischen Energiebranche unter seine Kontrolle. Bereits zum Jahresende wird die Regierung die Aktienmehrheit am weltweit größten Erdgasproduzenten, Gazprom, übernehmen und diesen mit der Übernahme des schon bisher staatlichen Ölförderers Rosneft zum größten Energielieferanten der Erde machen.

mbr MOSKAU. Die formale Übernahme soll dazu auf einer außerordentlichen Hauptversammlung des Gasmonopolisten am 16. November besiegelt werden. Dies beschloss gestern der Gazprom-Aufsichtsrat in Moskau.

Nach der Übernahme der Gazprom-Mehrheit könnte der russische Staat nach Ansicht von Branchenexperten versuchen, weitere Unternehmen einzubinden. So gilt der Gasriese bei Analysten als wahrscheinlichster Käufer der Fördertöchter des wegen Milliarden-Steuerforderungen angeschlagenen Ölkonzerns Yukos. Yuganskneftegaz (YNG), die bislang 60 Prozent des Yukos-Öls produziert, soll von Gerichtsvollziehern zwangsversteigert werden. Moskauer Medienberichten zufolge bewertet die Investmentbank Dresdner Kleinwort Wasserstein, die Gazprom auch bei der Rosneft-Übernahme berät, YNG mit 15 bis 17 Mrd. Dollar. An dem YNG-Verkauf sollen laut Putin auch staatliche Konzerne teilnehmen.

Zudem weitet Gazprom den Einfluss bei wichtigen Förderprojekten erheblich aus: So hat der private britisch-russische Energiekonzern TNK-BP nach monatelangem Druck inzwischen offenbar eingewilligt, sich mit der Rolle des Juniorpartners im gigantischen Kovykta-Gasprojekt in Sibirien zu begnügen. Bisher hatte TNK-BP dort die Mehrheit. Auch weitere neue Öl- und Gasprojekte sollen ausländische Unternehmen in Russland künftig nur noch anpacken dürfen, wenn daran Gazprom oder Rosneft beteiligt werden. So soll Shell nach Angaben aus unternehmensnahen Kreisen und Angaben russischer Regierungsbeamter zufolge gezwungen werden, Gazprom an seinem Fördervorhaben vor der russischen Pazifikinsel Sachalin zu beteiligen und dafür zugleich beim Stokmanowskoje-Projekt in der Barentssee als Juniorpartner einsteigen dürfen. Gazprom versucht zudem, unabhängige Gasproduzenten wie Northgaz wieder unter seine Kontrolle zu bringen.

Andererseits bestätigte Vizepremier Alexander Schukow aber, dass nach dem Anheben des Staatsanteils bei Gazprom auf mindestens 50 Prozent plus eine Aktie alle bisherigen Begrenzungen für Ausländer, sich am Kapital des Konzerns zu beteiligen, aufgehoben würden. „Wenn der Staat die Mehrheit hat, machen die bisherigen Limitierungen keinen Sinn mehr“, sagte Schukow. Bisher schon halten westliche Investoren über spezielle Fonds deutlich mehr Gazprom-Aktien als mit 20 Prozent des Kapitals eigentlich erlaubt. Dies würde durch die von Analysten geforderte Aufhebung der Begrenzungen und der Beendigung der Zweiteilung des Gazprom-Aktienmarkts in lokale Aktien und teurere, im Westen gehandelte so genannte American Deposit Shares völlig legal. Einer der größten ausländischen Aktionäre ist Eon Ruhrgas mit 6,5 Prozent.

Bisher hält der Staat 39,27 Prozent der Gazprom-Aktien. Gazprom-Töchter besitzen zudem 16,2 Prozent am Mutterkonzern, die vom Konzernmanagement verwaltet werden. Von diesem Anteil sollen insgesamt mindestens 10,74 Prozent bis Jahresende im Tausch gegen den staatlichen Ölkonzern Rosneft in Staatsbesitz übergehen. Einen entsprechenden Plan hatte Russlands Präsident Wladimir Putin am 14. September begrüßt (Handelsblatt vom 15.9.). Gazprom wird vom ehemaligen Putin-Mitarbeiter Alexej Miller geführt, Aufsichtsratschef bei Rosneft ist Putins Administrations-Vize und früherer Kollege beim Geheimdienst KGB, Igor Setschin.

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