Gebrauchtwagenkauf in den USA
US-Automarkt: Acht Zylinder, null Käufer

Erst die Benzinkrise, dann die Autokrise und nun die Sinnkrise: Amerikas Traum von der unbegrenzten Mobilität mit acht Zylindern stirbt. Die Ersten, die sich mit dem Kulturbruch arrangieren müssen, sind die Autoverkäufer – auf der Suche nach einem Gebrauchtwagen in Kalifornien.

SAN FRANCISCO. „Hey Mann, es kommt doch nicht darauf an, wie viel Sprit die Karre verbraucht. Mann, es kommt darauf an, wie man fährt!“ Abdul hat sein Hawaiihemd bis zum Bauchnabel aufgeknöpft. Jedes Haar auf seiner Brust vibriert. Eine Art kugelbeleibter Grizzly steht vor mir. Ein gebürtiger Afghane, der in den Tälern seiner Heimat einst die „Commies“ aus Russland bekriegte.

Heute nimmt Abdul eine noch viel größere Gefahr ins Visier: den Verfall eines der wichtigsten amerikanischen Werte, der unbegrenzten Mobilität, der vermeintlich unendlichen Liebesaffäre der US-Bürger mit dem benzinvernichtenden „Truck“. Abdul hat erkannt, dass es dem mobilen Wohnzimmer der Amerikaner an den Kragen gehen soll. Für immer.

Denn Abdul ist Gebrauchtwagenhändler in Fremont am südlichen Ende der Bay Area um San Francisco. Die blitzblanke Kleinstadt am Highway 580 nach San Jose ist kein besonderes Highlight dieser Welt, aber sie beherbergt die größte Ansammlung von Exil-Afghanen in den USA. Was die kampferprobten Neuamerikaner über das Vorgehen ihrer neuen Heimat in ihrer alten so erzählen, wäre wohl – würden wir es veröffentlichen – geschäftsschädigend für Abdul und seine Freunde. Der Moslem kleidet seine Skepsis nur in das schlichte Wort: „Es geht bergab mit den USA!“ Weil: „Schau dir nur die sterbenden Autos an.“

Besonders der Automarkt für die SUVs ist so gut wie zusammengebrochen. Seit Anfang des Jahres weisen die Verkaufszahlen der „Sports Utility Vehicles“ ins Tiefrot. Im Juli verkauften die US-Hersteller 150 000 Autos weniger als im Vorjahr. In Zahlen: Ford minus 14,7 Prozent, General Motors minus 26,1 Prozent, Chrysler minus 28,8 Prozent. Es herrscht ein Gefühl im Land, als würde der Marlboro-Mann nur noch Lollipops rauchen.

Gewiss, der Stoff, aus dem einst die schnellsten Träume der Welt geschmiedet wurden, die Blech gewordene Verschwendungssucht der Big Black Cadillacs, der weißen Thunderbirds und der chromblitzenden Chevrolets Impala (am schönsten: das Cabrio!), ist lange versiegt. Und seitdem die Benzinpreise in den USA wie einst Apollo 10 in die Höhe jagen, ist es auch mit ihren Nachfolgern vorbei, den SUVs. Jene hochstelzigen Vehikel also, die tonnenschwer auf Panzerspähwagenreifen rollen und Passanten zu angsterfüllten Gnomen schrumpfen lassen – sie sterben aus.

Nie hätte ich mir vorstellen können, einmal mit verzweifelter Verzückung auf den Kühlergrill eines achtzylindrigen, allradgetriebenen Station Wagons von Mercedes-Benz zu glotzen. Karmesinrot leuchtend steht das Objekt der Begierde in Abduls Autohof. Die Kiste hat schlappe 102 000 Meilen runter – 160 000 Kilometer – und wartet auf den versierten Fahrer aus Germany, der weiß, wie man den Schluckspecht benzinsparend durch Kalifornien lotst.

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