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30.09.2005 
Pharmakonzerne investieren in Kontrollen und feilen an Sicherheitsmerkmalen

Gefährliche Pillen

von Simone Wermelskirchen

Der Markt für gefälschte Arzneimittel boomt, Aufsehen erregende Funde sorgen für Schlagzeilen. Die meisten Giftküchen brodeln in China und Indien. Einfallstore nach Europa und die USA sind das Internet und der Zwischenhandel.

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HB DÜSSELDORF. Ein Schreibfehler machte Zollbeamte in einer Hamburger Spedition neugierig. „Diagra“ stand auf den Verpackungen, die fein säuberlich auf einer Palette ruhten. Die heiße Ware, 40 000 Pillen aus Neu-Delhi, unterschieden sich kaum vom Original „Viagra“. Die Spuren führten zu einem 49-Jährigen, der mit den Fälschungen gehandelt hatte. Doch er war wohl nur das kleinste Rad im Getriebe. Seine Geschäftspartner in Indien machten einfach weiter. Wenige Monate nach den Diagras entdeckten Fahnder weitere 120 000 Pillen – Viagra stand diesmal auf den Präparaten.

„Die Gefahr von Arzneimittelfälschungen nimmt auch in Europa zu“, sagt Walter Köbele, Chef von Pfizer Deutschland. Der Pharmakonzern ist Zulassungsinhaber von Viagra. Den Trend bestätigt auch James Christian, Sicherheitschef von Novartis: „Weltweit wächst das Geschäft mit gefälschten Medikamenten alarmierend.“

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) sind zwischen acht und zehn Prozent aller Medikamente gefälscht. Der Aktionskreis Deutsche Wirtschaft gegen Produkt- und Markenpiraterie schätzt, dass die Pharmaindustrie als Patentinhaber jährlich um 17 Mrd. Euro betrogen wird.

Kein Wunder also, dass in der verschwiegenen Pharmaindustrie langsam ein Sinneswandel einsetzt. Auf einer Konferenz in Straßburg, stand das Problem jetzt auf der Tagesordnung. Zum ersten Mal kamen ermittelnde EU-Beamte mit Pharmamanagern zusammen. Ihnen allen machen gleich zwei Trends Sorge: Gefälscht wird immer mehr und professioneller. Hightech-Falsifikationen dominieren den Markt – trotz Sicherheitsmerkmalen wie Hologramme und Chargennummern.

Ein Großteil der heißen Ware kommt nachweislich aus Indien und China, aber zunehmend auch aus Osteuropa. „Zum Großteil erreicht die Ware Europa über den Luftweg", sagt Pierre Bertrand, von der Weltzollorganisation. Dass heißt: per Luftfracht, Kurier oder einfach im Koffer. Vor allem Lifestyle-Medikamente wie Medikamente gegen Potenzstörungen, erblich bedingten Haarausfall, zur Gewichtsreduktion und zum Nikotinentzug kursieren.

Lesen Sie weiter auf Seite 2:Symptomatisch ist, dass bereits Zigarettenschmuggler und Kokaindealer mit den falschen Pillen handeln.

Grafik: Arzneimittelfälschungen weltweit - zur Ansicht bitte auf die Lupe klicken.Lupe

Grafik: Arzneimittelfälschungen weltweit - zur Ansicht bitte auf die Lupe klicken.

Symptomatisch ist, dass bereits Zigarettenschmuggler und Kokaindealer mit den falschen Pillen handeln. Für den Käufer, der oft nur ein paar Euro sparen will, kann es gefährlich werden: Erst im vergangenen Jahr bot ein in London ansässiger Internet-Händler gefälschte Viagras mit potenziell tödlichen Nebenwirkungen.

Zwei Einfallstore machen den Pharmaexperten Sorge. Zum einen: das Internet. Nach WHO-Angaben ist jedes zehnte Medikament kein Originalpräparat. Schon heute ist das Netz, trotz vieler seriöser Internet-Apotheken, der erfolgreichste Vertriebsweg für Fälschungen. Das zweite Einfallstor: Der internationale Zwischenhandel. „Sind gefälschte Arzneimittel erst einmal in die Handelskette gelangt, ist es schwer, den Verbraucher davor zu schützen“, sagt Pfizer-Deutschland-Chef Köbele. Deshalb hat der Gesetzgeber im vergangenen Jahr den Großhandel mit Medikamenten genehmigungspflichtig gemacht. Zwischenhändler dürfen die deutschen Großhändler nicht mehr beliefern.

Wesentlich ernster als in Europa ist die Lage in den USA. Hier erreichen Fälschen zunehmend die Apotheken. Besonders problematisch ist der Handel der Großhändler untereinander. Das erschwert die Kontrolle der Lieferwege – zumal wenn wenige Inspektoren tausende Großhändler kontrollieren sollen. Angesichts dieser Situation schlägt die amerikanische Food and Drug Administration (FDA) vor, Medikamente ab 2007 mit Mikro-Antennen auszustatten. „Die Bedenken in Deutschland sind bei einem solchen Verfahren in puncto Datensicherheit allerdings größer als in den USA“, sagt Schweim. Denn theoretisch könnte jeder Laptop-Besitzer die Apothekentüten der Käufer ausspionieren.

Hersteller feilen deshalb an anderen Lösungen. Pfizer überlegt, Apotheken künftig über ausgesuchte Partner direkt zu beliefern. MSD Sharp & Dohme will mit Testkäufen und genauer Marktbeobachtung die Vertriebswege transparenter machen. Bei allen Bemühungen darf allerdings nicht aus dem Blick geraten, darin sind sich Experten einig, dass für Deutschland nicht die höchste Alarmstufe gilt. „Zumindest die legale Verteilerkette hierzulande“, sagt Schweim, „gehört zu den sichersten der Welt“.

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