Gefängnisprodukte
Markenware aus kreativen Zellen

Werber haben das Potenzial von Produkten aus Gefängnissen entdeckt. Gleich mehrere Marketingstrategen entließen in den vergangenen Jahren Gefängnismarken in die Freiheit. Der Knast-Kult ist so lukrativ, dass sich so etwas wie Goldgräberstimmung unter Werbern breit gemacht hat.

KÖLN. Stephan Bohle mag Gefängnisse. Wenn er daran denkt, sprüht er geradezu vor Kreativität. Bohle ist der Vater der ersten Knastmarke in Deutschland. Unter dem Namen Haeftling Jailwear verkauft seine Werbeagentur Herr Ledesi seit vier Jahren Gefängnisware wie Bettwäsche, Hosen und Schuhe. Insgesamt sind es mittlerweile 80 Artikel, die von Häftlingen produziert werden. Auf den T-Shirts etwa stehen Anspielungen wie: „Wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein.“ Bohle ist überzeugt: „Da gibt es Potenzial, das noch längst nicht ausgeschöpft ist.“

Bohle bereitet derzeit die internationale Expansion vor. Seit mehr als einem Jahr verhandelt er mit Produzenten aus der Textilindustrie. Fest steht bereits: Es wird eine völlig überarbeitete Kollektion geben und dazu passend einen internationalen Vertrieb. Wie bei einem Wanderzirkus sollen in den Städten Europas nacheinander für kurze Zeit Läden gemietet werden, um die Marke dort bekannt zu machen. Später, so der Wunsch, soll Amerika hinzukommen.

Für Experten ist der Erfolg der Knastmarken keine Überraschung. Denn Unternehmen machen sich vor allem dort breit, wo Nischenmärkte aus Subkulturen entstehen. „Das ist zum Teil ganz lukrativ, da häufig eine hohe Zahlungsbereitschaft für Produkte besteht, die eine Differenzierung von der Masse ermöglichen“, sagt Frank Huber, Marketingprofessor an der Universität Mainz. Die Gegenkultur ist gefragt. So kamen auch die Hippie-Szene und der Snowboard-Kult zu ihren modischen Erfolgen. Deshalb setzen die Unternehmen Marketingspezialisten wie jene vom Kölner Rheingold-Institut gezielt darauf an, nach solchen Nischenmärkten zu fahnden.

In der Berliner JVA Tegel rannte Bohle damals offene Türen ein. Dort wusste man bereits, dass sich an den traditionellen Gefängnisprodukten etwas ändern musste. „Bisher stellten die Häftlinge den typischen Beamtenkitsch her“, sagt er, „Glastische und Tiffanylampen.“ Eine interne Studie kam zu dem wenig überraschenden Schluss, dass sich durch eine bessere Vermarktung sowohl der Absatz, als auch die Zahl der Arbeitsstellen erhöhen ließe. Bohle wollte genau das tun. Nachdem er und seine Leute das Ruder übernommen hatten, lief es deutlich besser.

Sie vertrieben die Produkte über einen Online-Shop. Nach drei Wochen gab es so viele Bestellungen, dass der Server zusammenbrach und die Produktion nicht mehr hinterherkam. Ein Beamter rief Bohle nachts hastig an: „Wir müssen den Online-Shop wieder abstellen.“ Sie brauchten eine Pause, um Produktions- und Serverkapazitäten zu erhöhen. Sechs Monate lang blieb der Online-Vertrieb geschlossen. Ein Desaster für die Marke. Doch sie überlebte. Heute arbeiten 250 Häftlinge in acht Gefängnissen an den Produkten.

Beim Konkurrenten Santa Fu sind es mit 20 Insassen deutlich weniger. Allerdings ist die Knastmarke aus dem Hamburger Gefängnis Fuhlsbüttel erst seit September vergangenen Jahres auf dem Markt. Neben dem Online-Verkauf wächst auch die Zahl der Läden. Dort gibt es bereits ein Pflege-Set, das die schweren Jungs auch selbst benutzen, ein Knast-Zippo und T-Shirts mit Sprüchen wie „Unschuldig“ oder „Auf Bewährung“ in den Regalen. Sogar eine CD mit ratternden Zellengittern, blechernen Durchsagen und hallenden Schritten gibt es – für die Gefängnis-Atmosphäre im eigenen Heim.

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