Gegenseitige Abhängigkeit
China kauft Gas in Australien

Dieser Abschluss wird in die australische Geschichte eingehen: Australien hat mit China sein bisher größtes Exportgeschäft geschlossen. Umgerechnet gut 29 Mrd. Euro, wird die chinesische Petro-China in den nächsten zwanzig Jahren für flüssiges Erdgas aus Australien bezahlen. Angesichts solcher Größenordnungen verblassen die jüngsten Querelen im Rohstoffhandel zwischen den beiden Ländern.

CANBERRA. „Das Geschäft ist ein Meilenstein in unseren Beziehungen zu China“, sagte Australiens Minister für Bodenschätze und Energie, Martin Ferguson, laut Bloomberg News. Von dem Deal wird auch der amerikanische Ölkonzern Exxon Mobil profitieren, der mit 25 Prozent an dem Gorgon-Projekt beteiligt ist. Zusammen mit seinen Joint-Venture-Partnern Chevron und Royal Dutch Shell entwickelt Exxon zurzeit das Gorgon-Erdgasfeld, das vor der westaustralischen Küste liegt und eine Kapazität von 2,25 Mio. Tonnen pro Jahr haben soll. Das Feld muss noch erschlossen werden, der Aufwand wird auf mehrere Mrd. Dollar beziffert. Doch mit der Abnahmegarantie aus Peking im Rücken ist die Finanzierung für die Projektpartner kein Problem.

Auf den ersten Blick überrascht, dass der Vertrag mit Petro-China genau zu dem Zeitpunkt unterschrieben wurde, an dem die Beziehungen zwischen Peking und Canberra einen Tiefpunkt erreicht haben. Begonnen hat der Konflikt Anfang Juni, als der britisch-australische Rohstoffkonzern Rio Tinto überraschend den milliardenschweren Einstieg des chinesischen Staatskonzerns Chinalco platzen ließ. Stattdessen legte Rio Tinto sein Eisenerz-Geschäft mit dem Rivalen BHP Billiton zusammen. Rio habe sich wie eine „unehrenhafte Frau“ verhalten, verlautete dazu aus China.

Anfang Juli passierte dann das, was viele Kommentatoren nach wie vor als eine Racheaktion bezeichnen. Stern Hu, Eisenerz-Chef von Rio Tinto in Schanghai und zuständig für die Preisverhandlungen mit chinesischen Stahlfirmen, wurde unter dem Verdacht der Spionage festgenommen. In der vergangenen Woche wurden er und drei weitere Mitarbeiter schließlich unter dem Vorwurf der Bestechung offiziell verhaftet.

Die Verhaftung von Stern Hu sorgt bis heute für Unruhe unter den Vertretern westlicher Firmen in China. Nach wie vor ist nicht klar, was genau Peking dem Rio-Angestellten vorwirft. Umso größer ist die Verunsicherung, welche Konsequenzen seine Festnahme für andere ausländische Geschäftsleute haben könnte.

Australische China-Experten haben in den letzten Tagen jedoch Entwarnung gegeben. Wirtschaftsprofessor Peter Kenyon von der Curtin Universität Perth/Sydney, erklärt, ein bewährtes Mittel der Chinesen sei es, in Verhandlungen vom „zentralen Geschäft abzulenken“. Außerdem vermute China, zu hohe Preise für Eisenerz bezahlt zu haben.

Der nun mit Petro-China geschlossene Erdgas-Vertrag verstärkt den Eindruck einer wachsenden Zahl von Beobachtern, dass China und Australien auf Gedeih und Verderb von einander abhängig sind. China braucht Australien als Rohstofflieferanten, Australien braucht China als wichtigsten Handelspartner. Die jüngsten Handelszahlen scheinen diese Hassliebe zu bestätigen. Während Peking und Canberra Unhöflichkeiten austauschten, floss das bilaterale Geschäft nicht nur ungehindert weiter, es prosperierte. So trocknete bereits die Tinte auf dem Gas-Vertrag. Gleichzeitig kaufte China im Juli mehr als 58 Mio. Tonnen australisches Eisenerz. Das ist über ein Drittel mehr als im Juli 2008.

Zudem hält das Interesse Chinas an australischen Rohstofffirmen unvermindert an: Erst in der vergangenen Woche signalisierte der viertgrößte Kohlekonzern Yanzhou, er wolle den australischen Rivalen Felix Resources übernehmen.

„Die Geschäftsbeziehungen von China und Australien haben nicht unter dem Rio-Tinto-Fall gelitten“, sagt Niu Li, Energieanalystin beim Staatlichen Informationszentrum in Peking. Dies zeige das Exxon-Geschäft und das Yanzhou-Gebot.

Urs Wälterlin
Urs Wälterlin
Handelsblatt / Korrespondent
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