Geld oder Jobs
Metaller planen „Menü-Tarif“

Auch die Gewerkschaften geben sich in der Krise bescheiden: Weil die IG Metall keine Arbeitsplätze gefährden will, hat sie den Arbeitgebern bereits eine moderate Lohnrunde in Aussicht gestellt. Nun wird klarer, was die Gewerkschafter darunter verstehen.
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BERLIN. Die IG Metall stimmt sich auf eine heikle Krisen-Tarifrunde ein: Einerseits könnte jede Zusatzbelastung der Unternehmen gefährdete Arbeitsplätze endgültig zum Kippen bringen. Andererseits aber will sich die Gewerkschaft dadurch nicht zu tarifpolitischer Tatenlosigkeit verdammen lassen. Den Ausweg soll nun ein Tarifvertrag mit Wahlmöglichkeiten weisen – Motto: Jobsicherung oder Geld.

Eine erste Skizze dafür legte gestern der niedersächsische IG-Metall-Bezirkschef Hartmut Meine vor. Danach würden im Frühjahr 2010 zum einen alle 3,4 Millionen Metaller eine „moderate prozentuale Basiserhöhung“ erhalten. Zum anderen gäbe es einen ergänzenden Einmalbetrag. Dieser würde dann – je nach betrieblicher Situation – entweder ausgezahlt oder für eine von mehreren Optionen zur Jobsicherung genutzt.

Beispiele dafür: Ein Betrieb senkt die Wochenarbeitszeit befristet auf 25 Stunden, bezahlt aber 27 oder 29 Stunden. Alternativ könnte das Geld genutzt werden, um Kurzarbeit für die gesetzliche Maximaldauer von 24 Monaten zu finanzieren. Oder, drittes Beispiel, der Betrieb finanziert für mehr Arbeitnehmer Altersteilzeit, als dies nach den aktuellen tariflichen Regularien möglich wäre.

Strukturell entspricht dies dem Modell eines Menü- oder Modul-Tarifvertrags mit Auswahloptionen. „Auf die Formel gebracht, heißt das: Wenn’s brummt, gibt’s mehr Geld. Wenn’s knirscht, gibt’s Beschäftigungssicherung“, erläuterte Meine. Zuvor hatte IG-Metall-Chef Berthold Huber den Arbeitgebern schon allgemein einen moderaten Kurs in Aussicht gestellt.

Meine ordnete sein Modell als „Diskussionsvorschlag“ für die bevorstehende Forderungsdiskussion der IG Metall ein. Der alte Tarifvertrag läuft noch bis April. Förmliche Beschlüsse werden daher erst im neuen Jahr fallen. Auch in anderen Bezirken laufen Strategiedebatten.

Bemerkenswert ist Meines Vorstoß vor allem, weil die IG Metall damit von sich aus die Bereitschaft zu einem Tarifvertrag mit Differenzierungen zeigt. Erste Ansätze dazu hatten die Tarifparteien im Aufschwung mit sogenannten Konjunkturboni vereinbart – Einmalzahlungen, die je nach betrieblicher Situation variieren können. Damals waren aber die Arbeitgeber die treibende Kraft.

Die Arbeitgeber bleiben skeptisch. Zwar agiere die IG Metall „eindeutig konstruktiver als 2008“, meinte Niedersachsenmetall-Chef Volker Schmidt. Damals war sie nach Ausbruch der Finanzkrise noch mit einer Rekordforderung von acht Prozent angetreten. Nun komme es zuerst auf die Kosten für die Betriebe an, betonte Schmidt. „Und da besteht aus heutiger Sicht gar kein Spielraum für Maßnahmen, die zusätzliches Geld kosten“ – in einigen Firmen seien die Personalkosten infolge von Jobsicherung bereits höher als die Umsätze.

Dietrich Creutzburg
Dietrich Creutzburg
Handelsblatt / Korrespondent

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