Genehmigung für Bergwerk beantragt – Grüne sprechen von Wahlkampfhilfe für die SPD
RAG-Chef Müller macht Ernst mit neuer Zeche in Deutschland

Erstmals seit 30 Jahren plant der Essener Bergbau-, Chemie- und Energiekonzern RAG den Bau einer neuen Kohlenzeche in Deutschland. Die RAG-Tochter Deutsche Steinkohle AG (DSK) beantragte am Mittwoch die Genehmigung für ein Bergwerk nördlich von Hamm.

mjh/sig DÜSSELDORF. Die Zeche könnte wegen der langwierigen Genehmigungsverfahren allerdings frühestens 2013 in Betrieb gehen. 2 500 Kumpel würden dann jährlich drei Millionen Tonnen Kokskohle fördern. Mit der Realisierung des Projektes würde Deutschland unabhängiger vom Weltmarkt. Die deutschen Stahlhersteller importierten im vergangenen Jahr 7,8 Mill. Tonnen Kokskohle und 3,2 Mill. Tonnen Koks. RAG-Chef Werner Müller hatte erstmals im vergangenen September den Bau einer neuen Kokskohlenzeche in Deutschland ins Spiel gebracht. Nach seinen Plänen soll das rund 800 Mill. Euro teure Bergwerk, das den Namen „Donar“ tragen soll, ohne öffentliche Subventionen errichtet und durch private Investoren finanziert werden. Der Staat soll nach Müllers Plänen allerdings die Investitionskosten in Form einer rückzahlbaren Beihilfe vorschießen.

Eine RAG-Sprecherin wies Vorwürfe von FDP und Grünen zurück, bei der Ankündigung handele es sich um Wahlkampfhilfe für die SPD. Nordrhein-Westfalen wählt im Mai einen neuen Landtag. Landeswirtschaftsminister Harald Schartau (SPD) bezeichnete das Vorhaben des RAG-Konzerns als „eine wohl überlegte, rein unternehmerische Entscheidung“. Kritik an dem Projekt äußerte die energiepolitische Sprecherin der Grünen-Bundestagsfraktion, Michaele Hustedt: „Ich glaube nicht, dass man eine solche Zeche in Deutschland ohne Subventionen betreiben kann. Das ist Wahlkampf für die SPD“, sagte sie dem „Tagesspiegel“.

„Bei Vorräten von etwa 100 Mill. Tonnen wären wir mit der neuen Zeche in der Lage, für einen Zeitraum von 30 Jahren Koks deutlich unter dem prognostizierten Weltmarktpreis zu produzieren“, sagte DSK-Chef Bernd Tönjes. Das Projekt sei damit für Investoren attraktiv. Die endgültige Entscheidung über den Bau des neuen Bergwerks werde aber erst nach Abschluss des Genehmigungsverfahrens, also frühestens in drei Jahren, getroffen. Die erste Kokskohle könnte nicht vor dem Jahr 2013 gefördert werden. Die DSK plant außerdem, in der Nähe der neuen Zeche eine Kokerei zu errichten, um die Kokskohle zu Koks weiterzuverarbeiten. Die Stahlhersteller benötigen den Koks zum Betrieb ihrer Hochöfen.

Der Rohstoffhunger Chinas hat die Preise für Kokskohle explodieren lassen. Gegenüber 2004 hat er sich mit 120 Dollar je Tonne mehr als verdoppelt. Koks hat sich mit einem Weltmarktpreis von 250 Dollar je Tonne ähnlich stark verteuert. Dabei sind Frachtkosten von 30 Dollar je Tonne noch nicht berücksichtigt. Für viele Stahlkocher ist dieser Kostenschub eine schwere Last. In RAG-Kreisen hieß es, ein Preis von 190 Euro (248 Dollar) je Tonne Koks aus der neuen Kokerei sei „langfristig darstellbar“. Experten kalkulieren auf dieser Grundlage mit Förderkosten von 130 Euro (170 Dollar) je Tonne Kokskohle aus der neuen Zeche.

Das Zechenprojekt stößt in der Stahlindustrie nicht nur auf Gegenliebe. Nach Ansicht von Dieter Ameling, Präsident der Wirtschaftsvereinigung Stahl, ist die Branche nicht auf eine neue deutsche Zeche angewiesen. Denn beim aktuellen Weltmarktpreis wäre deutsche Kokskohle aus „Donar“ immer noch deutlich teurer als Importkohle. Ein Thyssen-Krupp-Sprecher sagte dagegen: „Wenn der Preis und die Qualität stimmen, warum sollten wir dann nicht Kokskohle bei der DSK kaufen?“ Koks werde der Konzern allerdings auch künftig selbst herstellen.

In Deutschland wird Kokskohle derzeit nur in geringem Umfang gefördert. Der größte Teil der deutschen Steinkohle wird zur Stromerzeugung verfeuert. Die Kraftwerkskohle ist international nicht wettbewerbsfähig. Die Förderung ist zwar bis zum Jahr 2012 gesichert, sie wird in den kommenden Jahren aber drastisch sinken. Von den derzeit neun Zechen im Ruhrgebiet und an der Saar werden in den kommenden Jahren voraussichtlich vier schließen. Die jährliche Förderung wird bis 2012 von 26 auf 16 Mill. Tonnen sinken, die Zahl der Beschäftigten wird sich auf 20 000 halbieren. Die jährlichen Subventionen werden schrittweise von 2,7 auf 1,8 Mrd. Euro abschmelzen.

RAG-Chef Müller will sich möglichst schnell von der Förderung von Kraftwerkskohle trennen. Er hatte im März angekündigt, seine Chemie- und Stromsparte an die Börse zu bringen. Der erwartete Gesamterlös von fünf bis sechs Mrd. Euro soll komplett der öffentlichen Hand zufließen. Im Gegenzug soll der Staat die Risiken aus dem Bergbau-Geschäft übernehmen.

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