Generalunternehmer steht vor dem Aus
Jetzt geht es um das Herzstück von Galileo

Kaum ist die Zukunft des Satellitenprojekts Galileo gesichert, gehen bei ESN Industries die Lichter aus: das Satellitenkonsortium soll abgewickelt werden, die Anteilsinhaber pläidieren für eine Auflösung. Jetzt pokert die Industrie um das Herzstück des Projekts.

MÜNCHEN. Das Satellitenkonsortium ESN Industries steht vor dem Aus. "Die Verhandlungen der Anteilseigner sehen eine Auflösung vor“, bestätigte ein Sprecher dem Handelsblatt auf Anfrage. Die endgültige Entscheidung stehe aber noch aus, hieß es weiter. ESN Industries mit 160 Beschäftigten in Rom und Ottobrunn bei München sollte die Test- und Entwicklungsphase des Satellitennavigationssystems Galileo koordinieren und später die Funktion des Generalunternehmers für den Galileo-Aufbau übernehmen.

Das im Jahr 2000 noch unter dem Namen Galileo Industries gegründete Konsortium arbeitete von Beginn an unter einem schlechten Stern. Denn ausgerechnet die sonst konkurrierenden Satellitenhersteller und Zulieferer EADS Astrium, Alcatel, Alenia, Finmeccanica, Thales und die spanische GSS hatten sich hier unter einem Dach vereinigt. Mit dem Unternehmen wollten vor allem Deutsche und Italiener ihre Schrittmacherfunktion bei Galileo unter Beweis stellen. So leistete sich das Unternehmen zwei gleichberechtigte Zentralen in München und Rom. Dieser Doppelsitz war das Ergebnis einer Absprache zwischen den damaligen Regierungschefs Gerhard Schröder und Silvio Berlusconi.

Mit fast 38 Prozent hielt die EADS Astrium den größten Anteil und hoffte so bei der Gesamtintegration eine führende Rolle spielen zu können. Doch im vergangenen Jahr fusionierte der italienische Satellitenhersteller Alenia gemeinsam mit der französischen Alcatel unter dem Dach des EADS -Konkurrenten Thales. Damit verschoben sich die Kräfte gegen die Deutschen. Als dann im Frühjahr diesen Jahres die EU die Verhandlungen mit der Industrie über den Abschluss eines Konzessionsvertrages für gescheitert erklärte und einen Wettbewerb um die Neuausschreibung ankündigte, waren sämtliche Gemeinsamkeiten im Konsortium aufgebraucht.

Die Rolle des Generalunternehmers wird nach den Plänen der EU-Kommission zunächst der europäischen Weltraumagentur ESA zufallen. Das sieht ein Kompromisspapier vor, das in der vergangenen Woche auch die Zustimmung der Bundesregierung gefunden hat. In der Nacht zum Sonntag einigten sich zudem die EU-Finanzminister über die Finanzierung des insgesamt 3,4 Milliarden Euro teuren Projektes. Der Kompromiss sieht ferner vor, das Galileo-Programm in sechs Arbeitspakete zu unterteilen. So soll Deutschland die Führung im Satellitenbau erhalten; die EADS-Astrium gilt als Favorit. Der französische Thales-Konzern mit seinen italienischen Töchtern rüstet die Bodenstationen aus, Spanier und Briten werden ebenfalls entsprechend der Finanzierungsanteile berücksichtigt.

Wer später die Rolle der ESN Industries als Systemintegrator übernehmen wird, ist aber noch offen. Aus Industriekreisen wird darauf hingewiesen, dass es sich hierbei um das "Herzstück“ des Galileo-Projektes handelt. "Wer dieses Segment besetzt, hat Zugriff auf die Systemdaten, hier laufen die Fäden zusammen“, sagt ein Industrievertreter. Derzeit laufen zwischen den beteiligten Regierungen, der EADS Astrium und Thales die Gespräche über die Aufteilung. Die Bundesregierung will auf keinen Fall, das sämtliche Kompetenzen nach Frankreich und Italien abwandern.

Die Mitarbeiter der ESN Industries werden in den kommenden Monaten wieder zu ihren Unternehmen zurückkehren. Bleiben dem Projekt weitere Verzögerungen erspart, werden die 30 Galileo-Positionssatelliten 2013 ihren Dienst aufnehmen.

Start ins All

Projekt: Das Satellitennavigationssystem soll 2013 den Betrieb aufnehmen. Europa will strategisch unabhängig von den USA navigieren können. Galileo soll nicht nur genauer als GPS sein, auch die Verfügbarkeit des Signals soll anders als beim militärischen System GPS dauerhaft garantiert werden.

Finanzierung: Ein Konzessionsmodell mit der Industrie ist gescheitert, jetzt übernimmt die EU die Finanzierung. Eine Milliarde Euro ist bereits bewilligt, die restlichen 2,4 Milliarden will die EU jetzt unter anderem aus dem Agrarhaushalt abziehen.

Arbeitsverteilung: Das Satellitenprojekt wird in sechs Arbeitspakete aufgeteilt. Deutschland übernimmt die Federführung beim Satellitenbau, Frankreich bei der Ausrüstung der Bodenstationen. In Deutschland und Italien entstehen Bodenkontrollstationen.

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