Genveränderte Pflanzen
High Noon auf dem Soja-Acker

Sojabohnen, Stacheldraht, Schießereien: Der Kampf um genveränderte Pflanzen wird immer verbissener geführt. In Brasilien gibt es bereits die ersten Toten. Für den Schweizer Agrochemie-Konzern Syngenta ist das ein herber Rückschlag. Jetzt fürchtet das Unternehmen um sein Image. Eine Handelsblatt-Reportage.

SAO PAULO / BASEL. Das Eingangstor zur Farm halten vier dicke Ketten zusammen. Die Holzbalken des Zauns sind zusätzlich mit Stacheldraht gesichert. Dahinter beobachtet Ramon Brizola misstrauisch jeden Fremden. Er trägt eine schusssichere Weste. „Wir kennen unsere Feinde, sie können jeden Moment wiederkommen“, sagt Brizola.

Im Oktober kam es hier in Südbrasilien, nahe zur Grenze zu Argentinien, zu einer Schießerei. Noch jetzt stecken Kugeln im Holztor. Im Wärterhäuschen daneben sind die Scheiben mitsamt den Fensterrahmen aus den Angeln geschossen. Getrocknetes Blut klebt am Boden.

Das Feuergefecht lieferten sich in Paraná Mitarbeiter des privaten Wachdienstes NF Seguranca und die Mitglieder der Landlosenbewegung MST. Diese hatten zuvor die 127 Hektar große Farm zum dritten Mal in eineinhalb Jahren besetzt.

Der Grund: Das Gelände gehört dem Agrochemie-Konzern Syngenta, und das Unternehmen baut hier genveränderte Sojabohnen an.

Valmir Mota de Oliveira, 32 Jahre alt, Vater von zwei Kindern und einer der Anführer der lokalen Landlosenbewegung, und NF-Seguranca-Mitarbeiter Fabio Ferreira, 25, starben im Kugelhagel. Sie sind die wohl ersten Toten im weltweiten Kampf um genveränderte Pflanzen. Der verschärft sich zusehends – in Paraná, Brasilien, ebenso wie bei der EU in Brüssel.

Die Nachfrage nach Agrarprodukten und ihre Preise steigen und steigen – höhere Ernteerträge werden immer wichtiger und attraktiver. Das freut Konzerne wie Syngenta, die seit Jahren dafür kämpfen, ihre genveränderten Pflanzen zu verbreiten. Die Agrarkonjunktur ist ihr stärkstes Argument gegen diejenigen, die in Genveränderungen Teufelszeug sehen. Tragödien wie in Paraná drohen den Trend wieder zu kippen.

Schließlich trifft der Aufschwung für die Saatguthersteller noch immer auf reichlich Widerstand. Gesundheitsminister Horst Seehofer (CSU) hat am Montag von der EU einen Zulassungsstopp für genveränderte Agrarprodukte verlangt. Seit Jahren blockieren sich in Brüssel Gentechnik-Fans und Gentechnik-Gegner gegenseitig. Und auch Seehofers eigenes Gentechnikgesetz steckt im Bundestag fest – auch wegen Widerstand aus Seehofers eigener Fraktion.

Für einen Konzern wie Syngenta ist angesichts der politisch heiklen Lage eine Schießerei mit Todesfolge auf einer firmeneigenen Farm äußerst misslich. Als vor sieben Jahren die Agrarsparten von Astra-Zeneca und Novartis zu Syngenta verschmolzen, war allen Beteiligten klar, dass Düngemittel, Herbizide und gentechnisch verändertes Saatgut eine explosive Mischung für ein Unternehmen mit 8,1 Milliarden Dollar Umsatz und 21 000 Mitarbeitern sein könnten.

Syngenta suchte früh die Offensive: Nur ein paar Monate nach der Gründung lancierte das Unternehmen als erstes seiner Branche eine Stiftung zur Förderung nachhaltiger Landwirtschaft, die vor allem Ernährungsprojekte in Afrika unterstützt. Auch hilft der Konzern beim Aufbau weltweiter Saatbanken, die die Vielfalt der Pflanzen erhalten helfen sollen. Und Syngenta lässt an sogenannten „Golden Rice“-Technologien forschen, die unterernährte Menschen die Versorgung mit wichtigen Vitaminen erleichtern.

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