
DÜSSELDORF BERLIN. Der russische Gasriese Gazprom hintertreibt das milliardenschwere Pipeline-Projekt Nabucco. Für den weltgrößten Gaskonzern ist die geplante Leitung seit langem ein Ärgernis. Denn sie soll Gas von Konkurrenten aus dem kaspischen Raum durch Südosteuropa nach Westen bringen und Europa so unabhängiger von Importen aus Russland machen.
Jetzt haben die Russen nach Informationen des Handelsblatts dem RWE-Konzern, einem der Initiatoren von Nabucco, ein unmoralisches Angebot unterbreitet: RWE soll sich an der konkurrierenden Pipeline South Stream, einem Gazprom-Projekt, beteiligen.
Das Angebot wurde von mehreren mit den Gesprächen vertrauten Personen bestätigt. Offiziell halten sich die Unternehmen aber bedeckt. Sollte RWE auf das Angebot eingehen, würden die Chancen von Nabucco gegen Null sinken. Der Konzern zögert aber noch.
Nabucco ist eines der drei großen Pipelineprojekte in Europa. Die Leitung soll von der Osttürkei aus über eine Länge von 3 300 Kilometer über Bulgarien, Rumänien, Ungarn nach Östterreich führen. Geplant wird sie neben RWE von Unternehmen aus allen betroffenen Ländern, unter anderem dem österreichischen Energiekonzern OMV. In der ersten Ausbaustufe, die 2014/15 fertig sein soll sollen rund acht Mrd. Kubikmeter Gas fließen, bis 2020 dann 31 Mrd. Kubikmeter. Das würde ungefähr einem Drittel des gesamten deutschen Verbrauchs entsprechen.
Den Russen sind die Pläne seit langem ein Dorn im Auge. Das Land hat einen großen Teil des europäischen Gasmarktes im Griff. Rund 25 Prozent des in Europa verbrauchten Gases stammt aus den Feldern Sibiriens, in Deutschland sind es sogar 37 Prozent. Da die Förderung in der Nordsee sinkt, dürfte die Abhängigkeit weiter steigen. In den vergangenen Jahren hatten die Verbraucher in Europa leidvoll erfahren, wie problematisch das sein kann, als die Lieferungen gedrosselt wurden, weil Gazprom mit den Transitländern Ukraine und zuletzt auch Weißrussland über unbezahlte Gasrechnungen stritt.
Die Russen konterteten das Nabucco-Projekt mit Plänen für eine eigene südliche Pipeline, genannt South Stream. Die Leitung soll von Russland aus über den Grund des Schwarzen Meeres nach Bulgarien führen, wo zwei Teilstücke abzweigen sollen: eines nach Süditalien, eines nach Österreich. Als Partner ist unter anderem der italienische Energiekonzern Eni dabei.
Mit South Stream will Gazprom die Lieferrouten des russischen Erdgases nach Europa diversifizieren. Ziel der Russen ist es, die Bedeutung Weißrusslands und der Ukraine als Transitländer für Gaslieferungen zu reduzieren. Aus demselben Grund baut Gazprom derzeit gemeinsam mit Eon, BASF und weiteren Partner die Pipeline Nord Stream, die Russland durch die Ostsee mit Westeuropa verbinden soll.
Jetzt forcieren die Russen ihren Kampf gegen Nabucco. Nach Informationen des Handelsblatts hat Gazprom-Vizechef Alexander Medwedjew mit dem bei RWE für Strategie und M&A zuständigen Vorstand Leonhard Birnbaum Kontakt aufgenommen, um ihn für einen Einstieg bei South Stream zu gewinnen. Der Energiekonzern prüft die Offerte noch.
RWE lehnte auf Anfrage einen Kommentar dazu ab. Der für das Projekt zuständige Chef der Tochtergesellschaft Supply & Trading, Stefan Judisch, sagte lediglich: „Wir stehen zu Nabucco und sehen derzeit kein anderes Projekt, was ähnlich sinnvoll ist.“
Gazprom versucht schon seit längerem westliche Partner bei South Stream einzubinden. Neben Eni hat der Konzern auch schon den OMV-Konzern aus dem Nabucco-Konsortium gewonnen, der aber beide Projekte verfolgen will. Mitte Juni kündigte der französische Energieriese Electricté de France (EDF) an, er wolle bis Ende des Jahres dem South-Stream-Vorhaben beitreten.