Gerichtsurteil
Tabakkonzern Altria kann Kraft Foods von der Leine lassen

Der amerikanische Tabak- und Lebensmittelkonzern Altria kann sich aufspalten. Nach dem zumindest finanziell überraschend milden Urteil eines US-Bundesgerichts gegen die Tabakindustrie ist die letzte Hürde aus dem Weg geräumt, um die Lebensmitteltochter Kraft Foods vom Tabakgeschäft abzutrennen.

NEW YORK. „Der Konzern hat jetzt die Chance, die Restrukturierung voranzutreiben“, sagte Thomas Russo von der Investmentgesellschaft Gardner Russo & Gardner gegenüber Bloomberg. Das Klagerisiko hatte bislang den Konzernumbau verhindert.

Analysten versprechen sich von der Aufspaltung erhebliche Wertsteigerungen für die Aktionäre. An der Börse in New York wurde die Aussicht darauf mit einem Kursgewinn von fast vier Prozent auf 83,85 Dollar je Aktie belohnt. „Nach unserer Berechnung ist das Papier bei einer Trennung von Kraft Foods etwa 90 Dollar wert“, sagte Brian Barish, Präsident von Cambiar Investors. Experten rechnen damit, dass der Konzernumbau bis Ende des Jahres vollzogen sein wird. Zu einer Entscheidung kann es bereits bei der nächsten Sitzung des Altria-Verwaltungsrates (Board) Ende August kommen.

Ein Bundesgericht hatte in der vergangenen Woche entschieden, dass die Tabakkonzerne zwar die Raucher jahrelang bewusst über die Gefahren ihrer Produkte getäuscht und sich damit strafbar gemacht hätten. Richterin Gladys Kessler sah sich jedoch außer Stande, die von der Regierung geforderten hohen finanziellen Geldbußen zu verhängen. So wurde die Branche lediglich dazu verpflichtet, auf Begriffe wie „light“ oder „mild“ in der Werbung zu verzichten und die Öffentlichkeit über ihr Fehlverhalten sowie die Gefahren des Rauchens zu informieren.

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„Das ist ein eindeutiger Sieg für die Industrie“, sagte David Adelman, Analyst bei der Investmentbank Morgan Stanley. Das Urteil zieht einen Schlussstrich unter die Klagewelle gegen die Tabakkonzerne in den USA. Bereits 1999 hatte das US-Justizministerium die Branche auf Schadenersatz von 280 Mrd. Dollar verklagt. Nachdem jedoch ein Bundesgericht diese Forderung als viel zu hoch abgewiesen hatte, reduzierte die Regierung die Summe auf nur noch 14 Mrd. Dollar. Parallel dazu hat der Oberste Gerichtshof des Bundesstaates Florida im vergangenen Monat eine Sammelklage im Umfang von 145 Mrd. Dollar als „exzessiv“ abgewiesen. So bleibt es bei der außergerichtlichen Einigung mit 46 Bundesstaaten aus dem Jahr 1998, wonach die Zigarettenhersteller über 25 Jahre einen Betrag von gut 200 Mrd. Dollar für die Aufklärung über die Gefahren des Rauchens zahlen müssen.

Altria wird zwar auch die jüngste Gerichtsentscheidung anfechten. „Ich rechne damit, dass auch die Regierung in die Berufung gehen wird“, sagte Bonnie Herzog, Analystin bei der Citigroup in New York. Wirtschaftlich hat der Konzern jetzt aber freie Hand, sich eine neue Struktur zu geben. Zunächst ist geplant, dass Altria seinen 88-prozentigen Anteil an Kraft Foods abgibt. Beim Mutterhaus würden dann noch Philip Morris USA und die Auslandssparte PMI bleiben.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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