Gescheiterte Dynastie
Die dramatische Geschichte des Friedrich Flick

Kein Industrieller verkörpert das Drama der deutschen Wirtschaftsgeschichte im 20. Jahrhundert so sehr wie Friedrich Flick. Zweimal stand der Industrielle vor dem wirtschaftlichen Aus, beide Male schaffte er wieder den Aufstieg. Dennoch bleibt Flick vor allem durch einen Parteispendenskandal in Erinnerung.
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Seine ungewöhnliche Intelligenz tritt in seinen Gesichtszügen nicht ohne weiteres zutage", notierte, leicht blasiert, der Schriftsteller Gert von Klass im Dezember 1955 nach einem Besuch bei Friedrich Flick. Klass saß damals an einer Biografie des Ruhrindustriellen Albert Vögler. Der hatte sich, als die Amerikaner ihn im Frühjahr 1945 verhaften wollten, das Leben genommen. Über Vögler Auskunft zu geben musste Flick zehn Jahre nach Kriegsende wie der eilige Blick in einen fernen Spiegel erscheinen. Denn im Unterschied zu den meisten seiner einstigen Konkurrenten und Kollegen, die des legendären Chefs der Vereinigten Stahlwerke nun mit Klass? Auftragsarbeit zu gedenken suchten, hatte Flick sich noch längst nicht aufs Altenteil zurückgezogen. Ihm war, ganz im Gegenteil, gerade zum zweiten Mal in zwei Jahrzehnten ein sagenhafter Wiederaufstieg gelungen.

Kein anderer Industrieller verkörpert das Drama der deutschen Wirtschaftsgeschichte im 20. Jahrhundert so sehr wie Friedrich Flick. In den fünfziger und sechziger Jahren war sein Name in der Bundesrepublik bekannt wie in Amerika der Name Rockefeller. Trotzdem blieb der Magnat aus dem Siegerland der Öffentlichkeit zeitlebens ein Rätsel. Persönliche Unauffälligkeit, ja Geheimniskrämerei waren wichtige Bestandteile seines Erfolgsrezepts. Am Ende aber bleiben mit seinem Namen vor allem Misserfolge in Erinnerung - ein Parteispendenskandal, der die Bundesrepublik in ihren Urfesten erschütterte, und die Schwierigkeit, sein Lebenswerk an seine Erben weiterzugeben.

Der erste Abgrund

Als Flick im Herbst 1931 zum ersten Mal vor dem wirtschaftlichen Abgrund stand, war er keine 50 Jahre alt. Seine Karriere bis dahin war die eines klassischen Selfmademan, der ökonomisch unsichere Zeiten mit sicherem Gespür zu nutzen wusste. Mitten im Ersten Weltkrieg entdeckte der ehrgeizige Diplom-Kaufmann, nicht weit entfernt von seinem Heimatort Kreuztal bei Siegen, die Chance für einen Karrieresprung: Er wurde Vorstandsmitglied der Charlottenhütte im siegerländischen Niederschelden - und begann sogleich, sich dort mit mehr oder weniger seriösen Geschäften heimlich einzukaufen.

1919 war der Sohn eines Holzhändlers und Landwirts bereits Generaldirektor der traditionsreichen Hütte, und von dieser Basis aus versuchte er, einen Fuß in die mächtige Schwerindustrie des Ruhrgebiets zu bekommen. Als das an den distinktionsbewussten Herren des Reviers - an Familien wie den Krupps, den Thyssens oder den Haniels, die seit Jahrzehnten die Macht im Revier fein unter sich aufgeteilt hatten - scheiterte, wich Flick in die oberschlesischen Steinkohlenfelder und nach Mitteldeutschland aus.

Wie mancher Aufsteiger, freilich mit besonderem Glück und Talent, nutzte er die von Wirtschaftskrisen und Dauerinflation geprägten frühen Jahre der Weimarer Republik zu waghalsigen Spekulationen und Transaktionen, die ihm 1930 schließlich sogar die Kapitalmehrheit an dem vier Jahre zuvor gegründeten Riesentrust namens Vereinigte Stahlwerke eintrugen. Im weiteren Verlauf der Weltwirtschaftskrise, die seit 1929 die gesamte industrialisierte Welt in Not stürzte, geriet allerdings auch Flicks verschachteltes Kohle-, Stahl- und Schrott-Konglomerat in Schieflage. Doch im Unterschied zu anderen fand er im Frühjahr 1932 in letzter Minute einen Retter: keinen geringeren als die Reichsregierung, die, angeblich aus "nationalem Interesse" und zu einem generösen Preis, die von Friedrich Flick gehaltenen Anteile an der Gelsenkirchener Bergwerks-AG (Gelsenberg) kaufte. Mit den 90 Millionen Reichsmark, die er dabei erlöst hatte, legte Flick die Grundlagen für seinen Privatkonzern: ein Investment quasi auf Kosten der Steuerzahler - und das in einer Zeit, in der weder Staat noch Privatwirtschaft besonders liquide waren. Erstmals und völlig zu Recht machte ein Begriff die Runde, der später zu einem geflügelten Wort werden sollte: "Flick-Skandal".

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  • ich kann das buch von Erik Reger "UNiON DER FESTEN
    HAND" zur Lektüre für den Geschichtsinteressierten
    nur empfehlen, habe es selber vor vielen Jahren einmal gelesen. Gönnen Sie sich ein antiquarisches Exemplar (ZVAb oder booklooker)und nicht die moderne Taschenbuchausgabe, es liegt schwerer in der Hand und man spürt besser den Fluß der Zeit.

    "Union der festen Hand" wäre auch ein guter beisatz für eine erneuerte CDU/CSU aber das nur nebenbei und ohne große Hoffnung.

  • Der dunkel-düstere Hintergrund der Flick-Geschichte fand nicht zu letzt durch den gewählten Freitod des alt gewordenen Ehepaares v. brauchitsch einen Abschluß,der illuminierend aber nicht erleuchtend das Ende eines Stücks deutscher inustriegeschichte markiert. Auch ein Graf Lambsdorff wurde so beschädigt - allerdings mit eigener Schuld - dass er sich von dieser Affaire nur schwer und stark angeschlagen ,wieder erholen konnte. Flick war eine Persönlichkeit dunkel gezeichnet, wie so oft bei Menschen, die Außergewöhnliches zu leisten im Stande sind und am Ende scheitern müssen.

  • Fr. Flick ein typischer Vertreter des rheinischen Kapitalismus, wenn auch nicht sein nobelster.Schall und Rauch, genau so vergessen wie die brüder Mannesmann, die zur besseren Sorte gehörten.
    Zur Weihnachtslektüre sei einmal ein beinahe verschollener "Schmöker" von Erik Reger empfohlen,"Union der festen Hand" zuerst erschienen 1931, in dem der Werdegang des "Ruhrpottkapitalismus" in Romanform sehr anschaulich und realitätsnah geschildert wird .Reger war Pressereferent bei Alfred Krupp also durchaus ein "insider" der intime Kenntnisse von dem hatte ,wovon er schrieb.interessant die Anfänge des Nationalsozialismus aus der Perspektive desjenigen ,der noch nicht wissen konnte wie die Sache 1945 enden würde, aber durchaus schon ein Gespür hatte für die brisanz und Gefährlichkeit dieser "bewegung" hatte. Wer historisches interesse an der rheinischen Wirtschaftsgeschichte hat, sollte einmal zu diesem buch greifen, die Lektüre ist spannend und lehrreich dazu. Zu haben ist dieses buch sowohl antiquarisch als auch in einer Neuauflage.

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