Geschworene in Texas entlasten Leverkusener Konzern
Bayer feiert Freispruch im Fall Lipobay

Eine Geschworenen-Jury in Texas hat den Pharmakonzern Bayer in dem Schadensersatzprozess um das zurückgerufene Medikament Lipobay überraschend freigesprochen. Die Kläger hatten insgesamt 560 Mill. $ verlangt. Die Anwälte hoffen auf Signalwirkung, die Aktie reagierte mit einem Kurssprung von fast 40 Prozent.

NEW YORK. Die Bayer AG hat im Fall Lipobay einen wichtigen Etappensieg errungen. Im ersten Schadensersatz-Prozess um den vom Markt genommenen Cholesterin-Senker ist der Leverkusener Chemie- und Pharmakonzern gestern von einer Geschworenen-Jury in Corpus Christi im US-Bundesstaat Texas freigesprochen worden.

In den USA sind inzwischen 8 400 Klagen wegen Lipobay anhängig, Bayer hat im Zuge außergerichtlicher Vergleiche bereits rund 500 Klagen gegen Zahlung von 140 Mill. Euro ohne Haftungseingeständnis beigelegt und soll angeblich bereit sein, bis zu 1,2 Mill. $ je Opfer zu zahlen. Das Unternehmen hat diese Zahl nicht bestätigt.

Kläger im ersten Prozess war der 82-jährige Texaner Hollis Haltom. Er litt nach Angaben seiner Anwälte nach der Einnahme von Lipobay, das in den USA unter der Marke Baycol vertrieben wurde, an starken Nebenwirkungen in Form von Muskelstörungen. Haltoms Anwälte von der Kanzlei Watts Law Firm L.L.P. hatten der US-Tochter von Bayer vorgeworfen, schon lange vor der Rücknahme des Medikaments im August 2001 von den Komplikationen gewusst zu haben und Bayer auf insgesamt 560 Mill. $ Schadensersatz verklagt.

Der Freispruch gilt als richtungsweisend und ist von anderen Anwälten aufmerksam verfolgt worden. "In Texas zu gewinnen ist bedeutend, da man Juries dort nachsagt, in solchen Fällen eher die Seite der Kläger einzunehmen", sagte Ruchi Gupta, Analyst der Investmentbank Dresdner Kleinwort Wasserstein.

Bayer selbst ist für die nächsten Verfahren optimistisch. Zwar könne man nicht erwarten, dass nun alle anhängigen Prozesse gewonnen würden, sagte der Anwalt des Unternehmens, Philip S. Beck, am Dienstagabend in einer Telefonkonferenz. "Jeder Fall ist anders und jede Jury ist anders", unterstrich Beck, der die Leverkusener in Corpus Christi vertreten hatte. Es sei aber ermutigend, dass Bayer gerade den ersten Fall gewonnen habe. Die Entscheidung bestätige, dass Bayer bei der Vermarktung und beim Rückruf des Produkts verantwortungsvoll gehandelt habe, sagte Beck. "Außerdem zeigt das Ergebnis, dass auch ein ausländisches Unternehmen einen fairen Prozess in den USA haben kann", sagte er. Beobachter hatten zuvor vermutet, dass es ein deutsches Unternehmen besonders schwer haben könnte, sich in den USA zu verteidigen.

Der 82-jährige Kläger in Corpus Christi erhalte nun bedauerlicherweise keinerlei Entschädigung von Bayer, fügte Beck hinzu. Das Unternehmen habe dem Mann einen Vergleich angeboten, doch dessen Anwälte hätten eine andere Politik verfolgt und seien vor Gericht gezogen. "Wir können solche Kläger nicht damit für ihr Verhalten belohnen, dass wir ihnen im Nachhinein doch noch eine Entschädigung zahlen", sagte Beck.

Die 14-köpfige Jury hatte zuletzt fast drei Tage beraten, bevor sie sich auf eine Entscheidung einigen konnte. Ursprünglich war ein Ergebnis bereits am vergangenen Freitag erwartet worden. Die Jury musste darüber entscheiden, ob Bayer sich angemessen verhalten hat, nicht darüber, wie stark das Opfer unter den Nebenwirkungen des Medikaments gelitten hat.

Die Kanzlei Watts signalisierte nach dem Geschworenenspruch Kampfbereitschaft: "Die Kläger und ihre Anwälte prüfen ihre Optionen und geloben, den Kampf für Hollis Haltom und die anderen Opfer von Baycol fortzuführen. Diese Angelegenheit ist noch längst nicht vorbei". Die Watts-Anwälte betreuen insgesamt 1 400 Fälle gegen Bayer. Haltom war insofern ein Test-Fall für beide Seiten.

Der nächste Fall gegen Bayer und Lipobay wird voraussichtlich in Mississippi verhandelt. Dort fordere die Anklage jedoch nur 70&nbsp000 $, sagte Bayer-Anwalt Beck. Mit Spannung wird außerdem die Entscheidung des Gerichts in Minneapolis erwartet. Es muss entscheiden, ob es eine Sammelklage gegen Bayer zulässt. Eine Sammelklage wird an einem Kläger aufgehängt, der stellvertretend für eine ganze Gruppe von Betroffenen steht. Bayer argumentiert, dass dies nicht zulässig sei, da man die Betroffenen nicht alle gleich behandeln könne, sondern jeden Fall einzeln prüfen müsse. Sollte das Gericht die Sammelklage zulassen, wird der Prozess im Juni beginnen.

Einer der führenden Anwälte der Sammelklage ist Charles Zimmermann. Er hat den Fall in Corpus Christi ebenfalls intensiv verfolgt: "Wir schauen uns genau an, welche Taktik sie in Texas benutzen", hatte Zimmerman bereits im Vorfeld gesagt.

Katharina Kort
Katharina Kort
Handelsblatt / Korrespondentin
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