Gespräche über Gewinnbeteiligung
Konzerne locken mit Atomstrom-Millionen

Seit Jahren streiten sich Energiekonzerne und Politik um den Atomausstieg. Nachdem Drohungen, sie würden ins Ausland abwandern, nicht so recht fruchteten, versuchen es die Stromriesen nun mit einer neuen Strategie: Sie wollen die Politiker mit viel Geld ködern. Und wie es scheint, sind diese gar nicht so abgeneigt, auf das lukrative Angebot einzugehen.

HB MÜNCHEN. Der baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger (CDU) berichtete im Nachrichtenmagazin „Focus“ von entsprechenden Zusagen der Energiekonzerne. Nach seinen Angaben könnte ein Verzicht auf das vorzeitige Abschalten von Atomkraftwerken zweistellige Millionenbeträge in die Staatskasse spülen. Oettinger erwartet demnach solche Summen von „jedem der großen Energieversorger, die wie EnBW einen Großteil ihres Stroms aus Kernkraft beziehen“. Dafür müssten die Energieunternehmen den Gewinn aus der längeren Laufzeit mit dem Staat teilen.

Die EnBW sei dazu bereit, wird der Stuttgarter Regierungschef zitiert: „Entsprechende Gesprächsergebnisse liegen mir vor.“ Der Stromproduzent wolle „vielleicht sogar die Hälfte der nachweisbaren Gewinne durch längere Laufzeit für öffentliche Zwecke bereitstellen“, sagte Oettinger. Das Geld solle dann vor allem in die Entwicklung erneuerbarer Energien fließen.

Atomlobby attackiert Bundesregierung

Der Vorstoß der Energiekonzerne kommt überraschend, haben sie bisher doch eher auf Konfrontation gesetzt. Noch vor kurzem hat de Atomindustrie der Bundesregierung vorgeworfen, mit dem vereinbarten Ausstieg Deutschland in der internationalen Energiepolitik zu isolieren. „Weder Europa noch der Rest der Welt lassen sich vom deutschen Kernenergieausstieg beeindrucken“, sagte der Präsident des Deutschen Atomforums, Walter Hohlefelder, Ende November auf einer internationalen Branchenkonferenz in Berlin.

Seit dem vor sechs Jahren von der rot-grünen Bundesregierung und der Atomindustrie vereinbarten Ausstieg hätten sich die Rahmenbedingungen entscheidend verändert. „Die weltweite Nachfrage nach Energie wächst rasant; gleichzeitig wachsen mit dem größer werdenden Energieverbrauch die Herausforderungen an die Klimavorsorge“, sagte der Chef des Lobbyverbands. Praktisch alle führenden Industrienationen, darunter Frankreich, Großbritannien, die USA und Japan, reagierten darauf mit dem Neubau von Kernkraftwerken.

Atommeiler sollen Jahrzehnte laufen

Die Atomindustrie in Deutschland pocht deswegen auf längere Laufzeiten bestehender Atommeiler. Weltweit seien mittlerweile Laufzeiten von 40 bis 60 Jahren üblich, sagte Hohlefelder. Dagegen seien bei deutschen Anlagen im Durchschnitt nur 32 Jahre vorgesehen. Deutschlands zweitgrößter Energiekonzern RWE hatte im September eine Laufzeitverlängerung für den Reaktor Biblis A in Hessen gestellt. Der Konzern will, dass der 32 Jahre alte Meiler drei Jahre länger als vereinbart am Netz bleibt,also bis 2011. Dafür sollen offen gebliebene Atomstrommengen des stillgelegten AKW Mülheim-Kärlich auf Biblis A übertragen werden.

Bundesumweltminister Sigmar Gabriel (SPD) will den Antrag unter Verweis auf das Atomgesetz ablehnen. Abschaltkandidaten unter den 17 deutschen Atomkraftwerken sind bis 2009 neben Biblis A auch Block A des Meilers Neckarwestheim I und Brunsbüttel. Die Betreiber dieser beiden Kraftwerke, EnBW und Vattenfall, wollen ebenfalls längere Laufzeiten erwirken.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%