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14.06.2008  | Aktualisiert 24.06.2008, 16:12 Uhr 
Autostandort Rumänien

Gestern Kutsche, morgen schon Pick-up

von Mark C. Schneider

Konzerne wie Renault und Continental machen Rumänien zum wichtigen Produktionsstandort für Autos - und schrauben so auch die Ansprüche der Rumänen immer höher.

Mit dem Sandero bringt Renault einen neuen Dacia auf den Markt (Foto: dpa)Lupe

Mit dem Sandero bringt Renault einen neuen Dacia auf den Markt (Foto: dpa)

BUKAREST. Man sieht Christian Estève an, wie gern er nun sagen würde, was er noch nicht sagen darf - dass sein Konzern Renault sogar schon einen Geländewagen mit Allradantrieb Marke Dacia plant. Wenn er nicht gerade in Bukarest ist, führt der Renault-Vorstand mit der Stirnglatze von der Konzernzentrale in Paris aus das Osteuropageschäft und wacht über den Kurs der rumänischen Tochter Dacia.

Das macht Estève immer mehr Freude. Seit die Franzosen Dacia vor neun Jahren übernahmen, wurde aus dem Sanierungsfall ein Aktivposten für Renault. Und der Erfolg schafft umgekehrt neue, solventere Kunden in Rumänien - nicht nur für Renault.

Allein dem Erfolg des Billigautos Logan verdankt es Renault-Chef Carlos Ghosn, dass er seine ehrgeizigen Wachstumsziele für 2009 noch erreichen kann. Den Großteil des im Vergleich zu 2005 zusätzlich versprochenen Absatzes von 800 000 Autos soll Dacia bringen.

Ghosns Osteuropa-Mann Estève steht an diesem Abend im strahlenden Sonnenschein im Hof des prächtigen Designcenters, das der Autobauer Anfang Juni in Bukarest eröffnet hat. Vor dem Eingang der 20er-Jahre-Villa, einst der Residenz des Schweizer Botschafters, steht ein blaues Showcar. Das Einzelstück zeigt, wie ein zeitgemäßer Dacia - intern "Crossover" genannt - aussehen könnte. Das Design hat nicht mehr viel zu tun mit dem biederen Minimalkonzept des Logan.

Solche Billigautos im Kastenformat finden zur großen Überraschung der Renault-Manager selbst im autoverliebten Deutschland Käufer - vergangenes Jahr waren es 17 000, die bei Einstiegspreisen von 7 200 Euro zuschlugen. Nach der ebenfalls hierzulande angebotenen Kombi-Version und zwei Varianten für Schwellenländer - einem Van und einem Pick-up - folgt am 20. Juni mit dem Sandero der fünfte Streich von Dacia. Der Wagen ist ein lediglich 200 Euro teurerer Logan, aber schön und rund.

"Das Auto wird jüngere Fahrer ansprechen", sagt Jacques Rivoal, Renaults Statthalter in Deutschland. 3 000 Vorbestellungen lägen bereits vor. Mit 8 500 verkauften Logan bis Ende Mai verzeichnet Rivoal im Jahresvergleich ein Plus von 29 Prozent auf dem ansonsten trostlosen deutschen Automarkt: "Dacia hat damit etablierte Marken wie Saab, Chrysler und Porsche überholt", sagt Rivoal.

Der Billig-Bestseller zeigt, dass auch Deutsche wegen hoher Benzinpreise und stagnierender Kaufkraft beim Autokauf sparen. Mindestens 25 000 Logan will Rivoal Ende des Jahres hierzulande abgesetzt haben.

Beim EU-Neuling Rumänien läuft die Dynamik genau andersherum. Vor dem angesagten Restaurant "Heritage" im Bukarester Botschaftsviertel telefoniert Dacia-Manager Liviu Ion mit seinem schicken iPhone. Die leuchtenden Farben seiner Hemden übertreffen nur seine schrillen Krawatten. "Ich habe jahrelang in einer unbeheizten Wohnung gelebt. Jetzt will ich etwas vom Leben haben", sagt er und spricht damit aus, was viele seiner gut 21 Millionen Landsleute denken.

Die Sehnsucht nach westlichem Lebensstil stand auch hinter dem wochenlangen Streik, der den gut 16 000 Dacia-Arbeitern am Schluss ein monatliches Einkommensplus von gut 130 Euro brachte. "Wir haben unterschätzt, wie schnell die Ansprüche der Rumänen steigen", gibt Dacia-Aufseher Estève zu.

Die Pferdefuhrwerke hat der Logan von Bukarests Straßen schon fast verdrängt. "Der Wohlstand nimmt enorm zu", sagt auch Continental-Vorstand Alan Hippe. "Rumänien ist jetzt bereits ein wichtiger Markt. Wir verkaufen bereits einen ordentlichen Anteil an Premiumreifen."

Der Dax-Konzern aus Hannover betreibt eine Reifenfabrik in Timisoara, ganz im Westen des Landes, an der Grenze zu Ungarn. Von dort stammen auch die Reifen für Logan und Sandero. "Als Unternehmen entwickeln wir die Wirtschaftskraft mit", sagt Hippe: Conti stelle Mitarbeiter ein und bezahle sie gut.

Trotzdem ist der Abstand noch so groß, dass Rumänien als Produktionsstandort attraktiv ist. Der Handyhersteller Nokia verlagert seine Bochumer Fabrik hierher; Daimler denkt über den Bau von A- und B-Klasse-Varianten nach. Noch diesen Monat wollen die Stuttgarter ihren Standort in Osteuropa festlegen.

"Die Arbeitskosten pro Stunde betragen 40 Prozent des EU-Durchschnitts", sagt Florin Pogonaru, Chef des rumänischen Unternehmerverbandes. Der gesetzliche Mindestlohn liegt bei 240 Euro. Im Schnitt verdienen Rumänen etwas mehr als 400 Euro. In Ungarn ist es schon mehr als das Doppelte.

Konzerne wie Conti oder Renault lassen viele Rumänen von einer besseren Zukunft träumen. 120 000 Menschen beschäftige die Dacia-Produktion inklusive Zulieferer, sagt Renault-Manager Estève. Rund eine Milliarde Euro haben die Franzosen in die Fabrik in Pitesti, 120 Kilometer westlich von Bukarest, investiert.

420 000 Autos liefen dort 2007 vom Band. Bausätze des Logan gehen von hier aus an Fabriken in Russland, Iran, Marokko, Brasilien, Kolumbien, Indien und bald auch Südafrika. "Der Engpass liegt nicht im Verkauf, sondern in der Produktion. Wir müssen die Produktion in Rumänien ausweiten, weil wir kaum nachkommen", frohlockt Patrick Pélata, operativer Chef des Renault-Konzerns.

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