Gesundheitssystem
Bissige Pillendreher

Geldverschwendung, Lobbyismus und andere Missstände: Experten geben mittlerweile zu, dass die Pharmaindustrie in Deutschland mächtiger ist als die Politik. Zwei lesenswerte Bücher nehmen das deutsche Gesundheitssystem auseinander.
  • 2

DÜSSELDORF. Der Professor wundert sich immer wieder, dass seine Patienten mit schweren Plastiktüten in seine Klinik kommen. Die Tüten sind voller Medikamente, die diese Menschen seit Jahren einnehmen.

Die Pharmakonzerne dürfen in Deutschland, was sie in anderen Ländern nicht dürfen: die Preise für ihre Arzneien selbst festlegen. Sie sind in Deutschland so teuer wie höchstens noch in den USA.

Ein Bundesgesundheitsminister gibt offen zu, dass die Pharmaindustrie in Deutschland längst mächtiger ist als die Politik.

Drei Beispiele, Symptome derselben Krankheit: unkontrollierte Wucherung. Das deutsche Gesundheitssystem verschlingt von Jahr zu Jahr mehr Geld, über 260 Milliarden Euro waren es im vergangenen Jahr. Aber die Patienten werden deshalb nicht besser behandelt. Manchen verschreibt der Arzt Medikamente, die nicht helfen, für manch sinnvolle Behandlung ist dann kein Geld mehr da.

Es ist leicht nachvollziehbar, warum der Berlin Verlag und Eichborn gerade jetzt zwei Sachbücher über die Missstände im deutschen Gesundheitswesen auf den Markt bringen: Soeben hat mal wieder eine Bundesregierung eine Gesundheitsreform aufgelegt. Sie soll, wenn die letzten Hürden der Gesetzgebung überwunden sind, Anfang kommenden Jahres in Kraft treten. Doch es sieht schon jetzt so aus, als würde auch dieser Versuch scheitern, die Kosten in den Griff zu bekommen.

Ein paar der grundlegenden Probleme sind nach wie vor ungelöst. Welche Probleme und warum ungelöst, darum geht es in den Neuerscheinungen der Medizinjournalisten Ursel Sieber und des Autorenteams Rainer Fromm und Richard Rickelmann. Wie brisant das Thema ist, zeigen schon die ersten Reaktionen.

Mit Siebers Buch musste sich das Landgericht Hamburg befassen. Ein Mediziner wollte verhindern, dass es in seiner derzeitigen Fassung weiter verkauft werden darf. Dazu kommt es nun nicht. Der Verlag will für die Nachauflagen drei Abschnitte ändern.

Doch der Reihe nach.

Die Journalisten Fromm und Rickelmann, aus deren Dokumentation "Ware Patient" die drei eingangs erwähnten Beispiele stammen, sind ausgewiesene Experten für gesundheitspolitische Themen. Fromm als Fachreporter vor allem für das Fernsehen, Rickelmann als langjähriger "Spiegel"-Redakteur.

Für ihr Buch haben sie massenweise Material gesammelt: ausgewertete Fälle, Interviews mit Ärzten, Wissenschaftlern, Kassenvertretern, Gesundheitsökonomen und Patienten. Ihr Befund: Das System ist zum Selbstbedienungsladen verkommen. Ärzte sichern sich hübsche Zusatzeinkommen, in dem sie der Pharmaindustrie Gefälligkeiten erweisen oder sich gleich bestechen lassen. Immer mehr privatisierte Kliniken sehen in ihren Patienten nur noch Ware. Und immer sind irgendwie die Pharmakonzerne beteiligt. Die Erklärungen, wie das alles zusammenhängt, sind eine der großen Stärken des Buches und zugleich sein Problem.

Die besten Passagen sind jene, in denen Fromm und Rickelmann Fallbeispiele heranziehen und sich die Zeit nehmen, sie zu sezieren.

Seite 1:

Bissige Pillendreher

Seite 2:

Seite 3:

Kommentare zu " Gesundheitssystem: Bissige Pillendreher"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

  • @ben

    Es ist doch gerade die starke Seite der Pharmamafia - möglichst große Wirkung bei möglichst
    kleinem Geräusch. Dort mal ein unscheinbarer Satz in einem Gesetz mitgeschrieben, dort mal eine Personalie beeinflußt - die Wirkung ist verheerend
    wenn man sich da auskennt - aber da es erstmal nicht für den großen Aufreger taugt bleibt das Ganze unter dem Radar der Öffentlichkeit.

    ich schwanke immer zwischen bewunderung wie die es seit Jahrzehnten und Jahrhunderten schaffen uns hinters Licht zu führen - und Abscheu, einfach nur Abscheu wie mit dem Wunsch nach Heilung und Gesundheit erbarmungslos abgezockt wird.

  • Wer ein wenig aufmerksam die Nachrichten verfolgt hat, weiß, dass die Entlassung von Peter Sawicki ein einziges Schmierenspiel war - es war der Grund, mich von der jetzigen Regierung innerlich abzuwenden. Das ist in dem ganzen Mövenpickgezeter leider untergegangen und eigentlich der viel schlimmere Skandal.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%