Gesundheitswesen
„Wir können nicht nur Geräte liefern“

In China schreitet die Digitalisierung der Kliniken voran, deutsche Firmen müssen sich auf dem Markt neu positionieren. Im Handelsblatt-Interview spricht Bernd Ohnesorg, Leiter der Siemens Health Care China, über die Chancen der deutsch-chinesischen Kooperation im Gesundheitswesen.

Handelsblatt: Herr Ohnesorge, Prognosen zufolge soll Asien Deutschland bei der Medizinforschung abhängen. Kommt 2020 der medizinische Fortschritt aus China?

Bernd Ohnesorge: Im Gegensatz zu Deutschland ist ein 1 000 Betten-Krankenhaus in China nichts Ungewöhnliches. Auch werden dort viel mehr Patienten untersucht und behandelt als in Deutschland. Es gibt vielversprechende wissenschaftliche Ergebnisse, dennoch bleibt oft nicht viel Zeit für Forschung. Medizinische Spitzenforschung wird daher weiterhin auch aus Deutschland kommen. Es wäre fantastisch, wenn die asiatischen Krankenhäuser immer mehr ihre großen Kapazitäten einbringen und zusammen mit den weltweit führenden Häusern und Medizinfirmen in der Forschung und Entwicklung eng kooperieren würden. Für Studien sind die großen Patientenzahlen in China und Asien wichtig.

Aber viele Beispiele für deutsch-chinesische Kooperation im Gesundheitswesen gibt es nicht...

China ist immer offen für innovative Konzepte aus Deutschland. Das zeigt sich in dem Wunsch, in Peking ein Spitzen-Institut für Neurologische Medizin und Wissenschaften, genannt "China-INI", genau nach dem Modell in Hannover zu errichten. Ein anderes Beispiel sind die Pläne für das "Chinesisch-Deutsche Freundschaftskrankenhaus" in der Sonderzone für moderne Medizintechnik in Shanghai. Chinas Regierung diskutiert sogar gerade das deutsche System der Fallpauschalen. Eigentlich haben erst Australien und die USA ein System eingeführt, bei dem nicht die Dauer der Behandlung, sondern der einzelne Behandlungsfall pauschal honoriert wird. Jetzt aber könnte das deutsche System für China passen.

Verschläft die deutsche Gesundheitsbranche die Entwicklung?

Als deutscher Anbieter können wir uns nicht mehr nur als Geräte-Lieferant positionieren. Es können nicht nur einzelne Medikamente oder Medizinprodukte geliefert werden, die chinesischen Ärzte müssen sie auch richtig einsetzen. Es sind Gesamtlösungen für das Gesundheitssystem erforderlich, die ganzen Klinikabläufe müssen gestaltet werden, Ärzte, Techniker und Manager ausgebildet werden. Auch startet in China gerade die Digitalisierung der Kliniken.

Schränkt Chinas Politik Ihr Engagement ein?

Natürlich gibt es Rahmenbedingungen für ausländische Investoren. Beispielsweise können Kliniken in China nur mit einem chinesischen Partner etabliert werden und auch nur so ist so ein Projekt tragfähig. In Schanghai ist das beispielsweise die Tongji Universität, dessen erstes Krankenhaus schon 1907 von einem deutschen Arzt gegründet wurde.

Lässt sich denn die deutsche Gesundheitswirtschaft auf China übertragen?

Nein, viele Anforderungen und auch die Krankheitsbilder sind anders. In China ist Krebs, vor allem der Lunge und Leber, die häufigste Todesursache. Und das sehr hohe Patientenaufkommen in Chinas großen Krankenhäusern erfordert ganz andere Arbeitsabläufe, alles muss robust sein und große Datenmengen schnell verarbeiten. So werden an einem Computertomografen in China am Tag bis zu 150 Patienten untersucht, in Deutschland sind es um die 30.

Was bedeutet das für Siemens?

Wir arbeiten an unserem Innovations- und Entwicklungszentrum in Shanghai daran, besonderes kosteneffiziente Geräte zu entwickeln. Das ist auch für den Export in andere Märkte wichtig. So stellen wir heute bereits 40 Prozent unserer gesamten Computertomografen in China her.

Was versprechen sie sich langfristig vom chinesischen Mark?

China beginnt gerade erst, stärker in die gesundheitliche Versorgung zu investieren. Eine bessere Basisversorgung und ein effizienteres Gesundheitswesen sind da die Stichworte. Es gibt riesigen Nachholbedarf. Überall werden Krankenhäuser hochgezogen, Spitzenhäuser werden mit modernen Geräten und Abläufen weiterentwickelt. Schon jetzt wächst unser China-Geschäft 24 Prozent im Jahr.

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