Gewerkschaft hat bei VW 97 Prozent Organisationsgrad
Crashtest in Wolfsburg

Als sich die Türen des Sitzungssaals im Maritim-Airport-Hotel Hannover öffnen, ist gleich klar, wer an diesem Tag beim Treffen der IG-Metall-Tarifkommission das Wort führt. Mit gezwungen wirkendem Grinsen baut sich Hartmut Meine vor den wartenden Journalisten auf. Es ist Mitte August und warm. Den mittleren Knopf seines Jacketts hat er geschlossen

HB WOLFSBURG. Dann legt der Gewerkschaftsführer der IG Metall los, sagt Sätze, die die Manager in der Führungsetage von Europas größtem Autobauer VW so schnell nicht vergessen werden: Er spricht vom Anspruch auf Lohnerhöhungen und garantierten Arbeitsplätzen und davon, dass niemand vergessen solle, wie mächtig die Gewerkschaft gerade bei VW sei: 97 Prozent Organisationsgrad.

Es dauert vier Tage, bis auch ihr Gegenpart bei den anstehenden Haustarifverhandlungen, der VW-Personalvorstand Peter Hartz, reagiert. Hartz, selbst Gewerkschaftsmitglied, rückt seine Brille zurecht, fährt sich durch das graue, fast weiße Haar, knetet seine Hände und präsentiert auf einer Pressekonferenz in Wolfsburg die Ziele des Konzerns. Seine Quintessenz: Die Arbeitnehmer verzichten auf Geld und Privilegien, VW auf Arbeitsplatzabbau. Für die IG-Metall-Forderung nach einer Lohnerhöhung von vier Prozent sieht er „null Spielraum“, eine „einklagbare Arbeitsplatzgarantie“ hält er für unrealistisch. Spätestens in diesem Moment ist die Haustarifrunde bei Volkswagen, die Mittwoch nächster Woche offiziell beginnt, eröffnet.

Eine Runde, die seit den Äußerungen von VW-Finanzvorstand Hans Dieter Pötsch noch an Brisanz gewonnen hat. Der Top-Manager hatte vorgestern davon gesprochen, dass bis zu 30 000 Jobs auf der Kippe stünden, sollte der Konzern seine Kostensenkungsziele nicht erreichen. Kurzum: Die Fronten sind nun so verhärtet, dass selbst ein Streik nicht ausgeschlossen erscheint. Es wäre der erste in der Unternehmensgeschichte, und er würde den Konzern ausgerechnet zu einer Zeit treffen, in der Volkswagen-Chef Bernd Pischetsrieder von allen Seiten Druck bekommt: Zu hohe Kosten und ein schwacher Dollar zehren die Gewinne auf. Die Kapazitätsauslastung ist deutlich schlechter als bei der Konkurrenz. Und jetzt machen Rivalen wie Opel und Ford, ja sogar wie BMW und Mercedes mit neuen Modellen Jagd auf den VW-Bestseller Golf, Europas meistverkauftes Auto.

Das alles wird also zur Debatte stehen, wenn sich am Mittwoch um 14 Uhr die Verhandlungsführer auf den braunen Konferenzraumstühlen des Parkhotels Kronsberg in Hannover niederlassen werden. Gewerkschafter Meine wird die Runde einleiten. Und als Repräsentant der IG Metall auch die Muskeln spielen lassen. Nach den Niederlagen um die 35-Stunden-Woche in Ostdeutschland, nach den Eingeständnissen bei Siemens und Mercedes muss ein Ergebnis her, das sich als Erfolg verkaufen lässt, so die klare Weisung aus der Frankfurter Gewerkschaftszentrale. Immerhin war IG-Metall-Chef Jürgen Peters selbst lange genug in Hannover. Er war Vorgänger Meines, der gehörte damals zu seinen engsten Mitarbeitern. Eine Schlappe bei VW wäre für die Gewerkschaft ein Desaster.

Seite 1:

Crashtest in Wolfsburg

Seite 2:

Seite 3:

Seite 4:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%