Gewinneinbruch erwartet
Der Mercedes-Stern hat viel an Glanz verloren

Mercedes, einst Symbol des Wirtschaftswunders, fällt heute eher durch Solidität und gepflegte Biederkeit auf. Vor der Präsentation der Zahlen für das zweite Quartal am Mittwoch ist klar: Neue Modelle müssen dringend her.
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Stuttgart/ München/ DüsseldorfAngesichts der vielen Probleme werden Experten morgen ganz genau hinschauen, wenn Daimler seine Quartalszahlen vorlegt. Die Quartalszahlen entscheiden darüber, ob Daimler im Rennen mit BMW und Audi Schritt halten kann - oder den Anschluss verliert. Die Aussichten scheinen trübe: Analyst Arndt Ellinghorst von der Credit Suisse prognostiziert einen Gewinneinbruch von 20 Prozent für das zweite Quartal - und rechnet für einen späteren Zeitpunkt im Herbst mit einer Gewinnwarnung für das Gesamtjahr.

"Der Wandel von einer etablierten deutschen Unternehmensmarke zur globalen jungen Marke hat nicht funktioniert", sagt der Designkritiker Paolo Tumminelli. Das Durchschnittsalter der Mercedes-Käufer ist mit 55,4 Jahren deutlich höher als das Alter von Audi- oder BMW-Käufern. Die heutige Mercedes-E-Klasse hingegen, mit 305.000 verkauften Wagen im Jahr 2011 der wichtigste Umsatzbringer, fällt vor allem durch Solidität und gepflegte Biederkeit auf.

Das drückt sich auch in den Geschäftszahlen aus: 2011 wurden in Westeuropa nur noch 599.000 Fahrzeuge der Marke Mercedes-Benz zugelassen - 19 Prozent weniger als vor zehn Jahren. Konkurrent Audi hingegen steigerte den Verkauf in der vergangenen Dekade um 26 Prozent auf 684 000 Fahrzeuge, BMW um 25 Prozent auf 647 000. Das stille Wirtschaftswunder der letzten zehn Jahre - Wiedervereinigung, europäischer Binnenmarkt, Globalisierung - ging im Kernmarkt Westeuropa an Daimler vorbei.

Auch in China, dem größten Automarkt der Zukunft, ist Mercedes weit abgeschlagen. Im ersten Halbjahr 2012 brachte der Konzern dort nur 99 400 Fahrzeuge an den Kunden - 60 000 weniger als BMW und nicht einmal halb so viele wie Audi.

So klaffen Anspruch und Wirklichkeit immer weiter auseinander. Konzernchef Zetsche hat zwar das Ziel ausgegeben, mehr Autos zu verkaufen als die Konkurrenten Audi und BMW. Doch genau diese Wachstumswünsche schlagen nun auf die Bilanz durch. Denn Zetsche muss den Verkauf künstlich ankurbeln. Das Kundeninteresse ist schwächer als die Planvorgaben. Also wird der Preis heruntergepegelt. "Gerade in der beliebten Kategorie der Sports Utility Vehicles (SUV) ist Daimler deutlich billiger als BMW und Audi", sagt der Markenexperte Frank Dopheide. "Das passt nicht zu Daimler. Das verwirrt den Kunden."

Daimler selbst erklärt die schwierige Lage mit den Zyklen der Branche. Fahrzeugmodelle werden üblicherweise sieben Jahre lang produziert. Das Flaggschiff von Daimler, die S-Klasse, ist schon sechs Jahre alt. Das Volumenmodell C-Klasse fünf und die margenstarke E-Klasse geht ins vierte Jahr. Alle drei Fahrzeugtypen sind damit relativ alt und naturgemäß im Design nicht so modern wie die neueren Modelle der Konkurrenz. Zetsche hofft, dass der Nachteil von heute zum Vorteil für morgen wird, gewissermaßen automatisch. Mit den anstehenden Modellwechseln wird Mercedes spätestens ab 2014 die jüngste Flotte im Markt haben.

Deshalb muss jetzt gespart werden. Ein Logistikzentrum in Sindelfingen wird erst einmal nicht gebaut. Produktionschef Wolfgang Bernhard, möglicher Nachfolger von Konzernchef Dieter Zetsche, will außerdem die Arbeitstakte in den Werken erhöhen.

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  • Schade, dass die Manager die Marke mit dem Stern so heruntergewirtschaftet haben. Ob die Renault- Ingenieure die Marke retten können, ist fraglich, denn Frontantrieb, kleine Motoren mit Zahnriemen statt Kette und modernes Design passen nicht zu einer Nobelmarke.
    Tatsächlich wird die neue A- Klasse mit dem Spardiesel in der Schweiz billiger verkauft, als das entsprechende Renault- Modell.
    Dass die Franzosen objektiv gute Autos für den täglichen Gebrauch bauen ist unbestritten, aber aber ihr Versagen in der wirklichen Luxusklasse ebenso!

  • Habe einen Mercedes, C-Klasse, Baujahr 2002. 2010 gekauft, immer wieder Probleme mit der Elektronik. Jetzt, nach drei Jahren trotz sorgfältiger Wartung Totalschaden, nichts mehr zu machen. Das Auto ist elf Jahre alt und keine 150.000 km gelaufen. Nie mehr Mercedes!!

  • Die meisten Kommentare geben die Stimmung der eingefleischten Mercedes Fahrer wieder, sie haben recht.
    die Marke Mercedes, oder "da Daimler" ist ein Mythos, heute
    einfach nur noch Geschichte. Die hohe Zeit von langlebiger Qualität, Wiederverkaufswert und Alleinstellung in vielen Märkten, denke ich nur an das Thema Taxi oder Staatslimousine, ist heute abgelöst vom internationalen Allerweltstrend.
    Das Thema ist eher philosophisch zu interpretieren: Es domonierte lange Zeit die obere Mittelklasse (heute E) und die automobile Oberklasse (heute S)sowie überzeugende Coupès und Cabrios. Wie man modern so schön neudeutsch sagt,die "Kernkompetenz" bestand im Ziel, die besten Autos dieser Klassen zu bauen.Und so entstand IMAGE und wirtschaftlicher Erfolg.
    Heute geht das Missmanagement umgekehrt ran: Mitpinkeln in jeder Nische, von A bis R-Class, für den Begriff Mercedes unglaubwürdige, somit unnötige Fahrzeuge.
    Sich etablierten Konkurrenten zu stellen, ist unökonomisch. Ford und Opel haben begriffen, daß sie keine Luxuslimousinen bauen können, abgesehen vom Image und der Akzeptanz. Ein Lexus oder ein Phaeton können noch so gut sein, sie sind unglaubwürdig. Herr Piech war da schlau: Von Proll bis toll hat er glaubhafte Markenimages gekauft, jetzt läuft der Phaeton, halt unter dem Begriff Bentley. Und zu teuer angebotene VW's und Audi's gehen als Billigmarken vom Stamme Seat/Skoda wie die warmen Semmeln.
    Von Mercedes erwartet keiner Einstiegsmodelle, Variationen und Mittelmaß: wenn man finanziell kann, steigt man um, von welcher Marke auch immer. Der Umstieg war ein Aufstieg.
    Wiegesagt: war!

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