Gewinnschwemme zum rechten Zeitpunkt
US-Unternehmen strotzen wieder vor Ertragskraft

Das starke Gewinnwachstum der amerikanischen Firmen im ersten Quartal überstrahlt die alten Probleme.

NEW YORK. Den amerikanischen Unternehmen geht es so gut wie lange nicht mehr. „Die Ergebnisse des ersten Quartals sind fantastisch“, sagt Ken Perkins, Research- Analyst beim Finanzinformationsdienst Thomson Financial in Boston. Die Gewinne seien um mehr als 25 % gegenüber dem Vorjahresquartal gestiegen, zieht Perkins eine erste Bilanz, nachdem fast drei Viertel der im Standard & Poor’s 500 zusammengefassten Unternehmen ihre Zahlen vorgelegt haben. Besonders gut hat der Technologiesektor verdient, der ein Plus von 65 % meldet.

Der wichtigste Grund für den warmen Regen ist nach Meinung von Perkins die kräftige wirtschaftliche Erholung in den USA. „Sie ist viel stärker ausgefallen, als viele Experten es vermutet haben“, sagt der Analyst. Nach den ersten Schätzungen des Handelsministeriums ist das Bruttoinlandsprodukt der USA in den ersten drei Monaten um 4,2 % gestiegen. „Das ist das breiteste Wachstum, das wir seit dem ersten Halbjahr 2000 gesehen haben“, hatte Jeff Immelt, Chef von General Electric (GE), bereits bei der Vorlage seiner Quartalszahlen vor einigen Wochen gesagt.

Der Industriekonzern gilt immer noch als Gradmesser für den Zustand der US-Wirtschaft. Dass GE auch seine Erlöse und seine Industrieaufträge zweistellig steigern konnte, wird deshalb als Beleg dafür gewertet, dass die US-Unternehmen nicht nur von den massiven Kostensenkungen der vergangenen zwei Jahre profitieren, sondern auch wieder echtes Neugeschäft einfahren. Extrem niedrige Zinsen, großzügige Steuersenkungen und ein schwacher Dollar haben ebenfalls geholfen, die Bilanzen aufzupolieren.

Für Corporate America kommt die Gewinnschwemme zum richtigen Zeitpunkt. Nach zahlreichen Bilanzskandalen, öffentlichem Aufruhr über exzessive Manager-Gehälter und herber Kritik an der Führung vieler Unternehmen herrscht wieder Selbstvertrauen auf den Vorstandsetagen. Die zahlreichen Übernahmeangebote der vergangenen Monate sind dafür der beste Beleg – sei es der erfolgreiche Kauf von AT&T Wireless durch Cingular oder die gerade gescheiterte Offerte des Kabelnetzbetreibers Comcast für den Medienkonzern Disney.

Die Ertragssteigerung geht oft mit neuen Köpfen einher. Beispiel Motorola: Der Handy-Hersteller verdreifachte seinen Gewinn nachdem der von Sun Micro gekommene Ed Zander Anfang des Jahres die Zügel bei dem Konzern übernommen hatte. Auch bei der Restaurant- Kette McDonald’s schaffte der kürzlich verstorbene Jim Cantalupo ein Comeback. Der Gewinn stieg dank einer neuen Strategie um 50 %.

Nicht alle Konzerne haben jedoch ihre Personalprobleme gelöst. Der Getränkekonzern Coca-Cola sucht seit Monaten erfolglos nach einem neuen Chef. Walt Disney hat zwar den Übernahmeversuch von Comcast erfolgreich abgewehrt, Konzernchef Michael Eisner ist jedoch nach der Aktionärsrevolte im März geschwächt und musste seinen Posten als Chairman räumen.

Das Aufbegehren vor allem der institutionellen Anleger ist eine der wichtigen Spätfolgen nach den Bilanz- und Gehaltsskandalen. Nicht nur bei Disney, auch bei Coca-Cola und anderen Unternehmen drängen die großen Pensionsfonds auf mehr Unabhängigkeit der Verwaltungsratmitglieder und oft auch auf eine Rollenteilung zwischen Chairman und Chief Executive Officer (CEO). Beim Aktionärstreffen von GE stimmten diese Woche mehr als 18 % der Investoren für eine Ämtertrennung. „Der Vorteil einer solchen Trennung wäre, dass der CEO nicht mehr die Agenda des Boards bestimmen könnte“, sagt Charles Elson, Professor für Corporate Governance and der University of Delaware. Anders als bei deutschen Unternehmen liegen bei den meisten US-Firmen der Vorsitz des Aufsichtsgremiums und des operativen Vorstands in einer Hand.

Nicht durchsetzen konnte sich dagegen ein Trend, die US-Unternehmen zu einer langfristigeren Orientierung zu bewegen. Obwohl große Konzerne wie Coca-Cola und Gillette seit einiger Zeit auf vierteljährliche Gewinnprognosen verzichten, hat für die meisten US-Firmen das Erreichen der Wall-Street- Erwartungen noch immer Priorität. Wissenschaftler der Duke University und der University of Washington haben herausgefunden, dass sich viele US-Manager im Zweifel für den kurzfristigen Erfolg entscheiden. Mehr als 40 % würden von einem Erfolg versprechenden Projekt die Finger lassen, um das gewünschte Quartalsergebnis zu erreichen. Für Campbell Harvey von der Duke University ist das ein Unding: „Wenn etwas von Wert auf dem Tisch liegt, sollte man zugreifen“, sagte er dem Wall Street Journal. Viele Manager halten sich jedoch lieber an die Vorgaben der Wall Street. Und die erwartet nach Angaben von Analyst Perkins im zweiten Quartal wieder eine Gewinnverbesserung von fast 20 %.

Torsten Riecke leitet das Ressort Meinung & Analyse. Er befasst sich vor allem mit Wirtschafts- und Finanzthemen.
Torsten Riecke
Handelsblatt / International Correspondent
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