Häftlinge machen Mode
Moda „made in prison“

Keine geschlossenen Taschen, keine Reißverschlüsse aus Metall oder spitze Gegenstände und keine angenähten Etiketten. Die Mode des italienische Modelabels CDSB verrät schon auf den ersten Blick ihre Wurzeln. In einem Gefängnis in Norditalien designen und produzieren Häftlinge die Kollektionen – nach deutschem Vorbild.

MAILAND. Es ist abends halb sieben im angesagten Gattopardo Café in Mailand. Extrem schlanke, stark geschminkte Damen sitzen am Rande des improvisierten Catwalks in der Disco-Bar, die früher einmal für ein paar Jahrhunderte eine Kirche war. Hinter dem zum Tresen umfunktionierten Altar werden schon bald Models auftauchen, um die neue Kollektion vorzuführen.

Warten gehört in Mailands Modewelt zum Geschäft. Kein Designer, der etwas auf sich hält, fängt seine Show pünktlich an. Dennoch ist einiges anders an diesem Abend. Nicht nur, dass die Show des Labels CDSB außerhalb der Mailänder Modewoche stattfindet. Auch die Präsenz der Sicherheitskräfte ist höher als sonst: Schon am Eingang kontrollieren zwei Polizisten die Besucher. Grund dafür sind die Designer selbst.

Denn CDSB steht für „Codice a Sbarre“ - auf deutsch: Strichcode - wobei das Wort "sbarre" im Italienischen auch für die Gefängnisgitter steht. Und im Gefängnis hat das Label auch seinen Ursprung. Insgesamt vier Designerinnen entwerfen in der Justizvollzugsanstalt im norditalienischen Vercelli ihre Kollektionen, die sie dann gemeinsam mit anderen Insassen schneidern. Sie nennen sich Nicole, Valentina, Giada und Giulia. Ihre richtigen Namen verraten sie nicht, auch Fotos wollen sie nicht in der Zeitung sehen - es könnte Probleme mit den Familien draußen geben, heißt es.

Und so sitzt Valentina an ihrem großen Tag nur am Rande des Laufstegs - umrahmt von resoluten, aber freundlichen Justizbeamtinnen. "È bellisimo", sagt die junge Roma-Frau mit ihrer rauen Stimme, während sie aufgeregt und etwas misstrauisch um sich schaut. Von Designer-Talk hält sie nicht viel. Natürlich gefallen ihr die großen Namen wie Giorgio Armani. "Aber für mich ist das vor allem eine Arbeit", sagt die zuvor ungelernte Frau. Und man nimmt ihr die schlichte Aussage ab.

Schon heute verkauft CDSB seine Kollektion in 120 italienischen Boutiquen. Das sind viermal so viele wie noch vor einem Jahr. Der Umsatz lag im vergangenen Jahr bei 400 000 Euro. Anders als bei vielen Unternehmen, die nur ihre Fertigung ins Gefängnis verlagern, findet bei CDSB der gesamte Entstehungsprozess hinter Gittern statt. Auch die Stundenlöhne liegen auf Marktniveau, wie die Vertreter des Labels versichern. Ganz ohne externe Hilfe bleiben jedoch auch die Designerinnen von Vercelli nicht: Das Designer-Büro Vanilla Lab hilft vor allem beim Vertrieb.

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