Handelsbatt-Reportage
Korruptionsermittler am Tatort Deutschland

Es war eine ganz beiläufige Bemerkung, die die ganze Sache ans Licht brachte: „Ein tolles neues Lager habt ihr da“, lobte ein Lieferant. Ein neues Lager? Was für ein Lager? Das Handelsunternehmen irgendwo in einer kleinen Stadt in Deutschland wurde hellhörig, hatte es doch seit Jahren keine Neubauten gegeben. Daher ging man der Sache auf den Grund.

DÜSSELDORF. Das Ergebnis: Ein Manager zweigte in schöner Regelmäßigkeit einen Teil der Ware ab, die er bestellte. Diese Produkte verkaufte er über eine Firma, die auf den Namen eines Verwandten eingetragen ist. Die Idee funktionierte – ein Jahr lang hatte der Manager einen einträglichen Nebenverdienst. Inzwischen ist er fristlos entlassen.

Das ist eine wahre Geschichte. Doch der, der sie erzählt, möchte nicht genannt werden. Auch Details über das Unternehmen sollen nicht bekannt werden. Schließlich gehört Verschwiegenheit zu seinem Geschäft. Der Mann berät Firmen, wenn es um Korruption, Betrug und Co. geht.

Er arbeitet damit in einer der wenigen Wachstumsbranchen in einer stagnierenden Wirtschaft. Das Geschäft läuft gut – nicht erst seit den Berichten über unkontrollierte Betriebsratskassen bei Volkswagen, dem Rücktritt eines angeblich korrupten Infineon-Vorstands und der Geldwäsche-Affäre bei der Commerzbank. Es sind gesetzliche Vorschriften, die den Sicherheitsberatern mehr Aufträge einbringen. „Die rechtliche Situation wurde verschärft“, sagt Berthold Stoppelfeld, Geschäftsführer bei der Arbeitsgemeinschaft für Sicherheit der Wirtschaft. Im Ausland gezahltes Schmiergeld ist in Deutschland seit 1999 nicht mehr steuerlich absetzbar, Bestechung gilt auch hier als Straftat. In den USA schreibt das Sarbanes-Oxley-Gesetz Managern vor, alle Prozesse zu kennen, die für Korruption anfällig sind. Stoppelfeld: „Börsennotierte Unternehmen müssen für mehr Transparenz sorgen.“ Das habe zum Wachstum der Berater-Branche geführt.

Hinzu kommt die Suche der deutschen Wirtschaft nach neuen Absatzmärkten: „Die Unternehmen dringen in risikoreichere Länder vor“, erzählt John Bray, Spezialist für Antikorruptionsstrategien bei der Beratungsgesellschaft Control Risks. Bei ihrer Expansion kommen die Firmen mit neuen Geschäftspraktiken in Berührung – und das zeigt auch innen Wirkung: „Korruption ist in Unternehmen, die Geschäfte mit Firmen in Osteuropa betreiben, stärker ausgeprägt als in Unternehmen, die nur in Deutschland tätig sind“, sagt Jörg Trauboth von Trauboth Risk Management.

All das beschert den Sicherheitsberatern Arbeit, viel Arbeit. Einige berichten von zweistelligen Zuwachsraten pro Jahr. Wie viel die Unternehmen insgesamt umsetzen? Darüber gibt es noch nicht einmal Schätzungen . „Es ist schwer, den Bereich genau einzugrenzen“, sagt einer, der sich dazuzählt, „denn jeder kann sich Sicherheitsberater nennen – auch ein vom Dienst suspendierter Polizist, und davon tummeln sich einige in der Branche.“ Ansonsten sind es ehemalige Geheimdienstmitarbeiter und Soldaten, Juristen und Steuerfahnder, Journalisten und Wirtschaftswissenschaftler, die engagiert werden, um Unternehmen zu entfilzen.

Eines der führenden Unternehmen mit dieser Expertise ist Control Risks – mit knapp 400 festen Mitarbeitern und 17 Büros weltweit. Ihnen ist kein Eisen zu heiß, sie rücken auch aus, wenn ein Manager entführt wird, ein Konzern mit Bombendrohungen oder Schutzgeld-Erpressungen zu kämpfen hat. Korruption und Wirtschaftskriminalität haben auch die klassischen Wirtschaftsprüfungsgesellschaften im Visier sowie spezielle Anbieter wie Result Group aus München, Prevent aus Hamburg und Trauboth Risk Management aus St. Augustin bei Köln.

Sie werden allerdings in der Regel erst gerufen, wenn es schon zu spät ist und in Unternehmensbilanzen bereits Unregelmäßigkeiten aufgetaucht sind – am Ende eines Geschäftsjahres oder wenn mal wieder viele Schmiergeldskandale aufgeflogen sind. „Dann werden einige Unternehmen plötzlich sensibler“, berichtet Bray.

Die schlechten Sitten entstehen häufig aus einer Mischung aus Bequemlichkeit, Unkenntnis und Naivität. Wie im Fall eines Unternehmens aus Süddeutschland, das sich neue Absatzquellen in Asien erschließen wollte – mit Hilfe eines Mittelsmanns, der gute Kontakte zur Regierung versprach. „Am Ende kassierte der Vermittler eine Provision vom Unternehmen, von der Konkurrenz und von der Regierung“, erzählt einer, der den Fall aufklären half.

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