Handelsblatt Industriegipfel
Im Griff des eisernen Raufbolds

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Chance für neue Jobs in Deutschland

Das Beispiel zeigt, wie sich der Arbeitsmarkt spalten könnte. Einerseits braucht es weniger Mitarbeiter, die einfache Aufgaben erledigen. „Wir rechnen damit, dass alle Arten von Standardtätigkeiten nicht mehr von Menschen, sondern von Maschinen ausgeführt werden“, sagte die Forscherin Marion Weissenberger-Eibl – das betreffe „zunehmend auch kognitive Tätigkeiten“. Andererseits aber geht es nicht ohne Experten, die die Technik programmieren oder mit ihr zusammenarbeiten können. Auch die Arbeit in der Fabrik wird somit immer anspruchsvoller.

Als Leiterin des Fraunhofer-Instituts für System- und Innovationsforschung und Professorin am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) betrachtet Weissenberger-Eibl das Thema ganzheitlich. Sie sieht die Digitalisierung grundsätzlich als „großartige Chance, Dinge „besser zu machen“ – so ein Projekt wie die Energiewende sei ohne Technologie nicht denkbar. Auch sei es dank digitaler Werkzeuge leichter denn je, eine Firma aufzubauen. Die Voraussetzung für eine neue Gründerzeit.

Wichtig sei aber, die soziale und ökologische Dimension nicht zu vergessen. Bildung ist dabei entscheidend, sie bekomme in Zukunft „einen noch höheren Stellenwert“: Weil sich das Umfeld immer schneller wandle, spiele die Anpassungsfähigkeit eine zentrale Rolle. Lebenslanges Lernen werde wichtiger denn je. Ihr Appell lautete: „Wir müssen verstehen, wie der Wandel funktioniert.“ Ob es die Unterhändler der möglichen Jamaika-Koalition hören?

Auch die Chefs müssen sich auf die neue Arbeitswelt einstellen. „Die digitale Transformation stellt den Führungsstil auf den Prüfstand“, betonte Filiz Albrecht, Topmanagerin bei der Robert Bosch GmbH. So ersetzen in der vernetzten Welt datenbasierte Informationen das Bauchgefühl. Bei der Produktentwicklung arbeiten immer häufiger Kunden und Partner mit. Und all das geschieht in einer bislang nicht gekannten Geschwindigkeit.

Ein Patentrezept gebe es nicht, betonte die Personalexpertin – aber einige Zutaten. Wichtig sei etwa das Vertrauen zwischen Mitarbeitern und Führungskräften. Das helfe, Transformationsprozesse auch in Zeiten zu überstehen, „in denen es Verwirrung oder vielleicht sogar manchmal etwas Chaos gibt“. Dafür brauche es empathische und kommunikationsstarke Chefs. Darüber hinaus brauche es einige Innovationsexperten, etwa in Person eines Chief Digital Officer: „Sie sind fähig, Teile der Organisation mitzunehmen.“ Albrecht betonte: „Am Ende geht es immer um das Miteinander.“

Paradoxerweise könnte diese Entwicklung in den Fabriken helfen, in Deutschland Jobs zu halten oder sogar neue zu schaffen. Unternehmen mit Industrierobotern tendieren seltener dazu, Produktionskapazitäten auszulagern, wie Guido Jouret betonte, Chief Digital Officer beim Industrieriesen ABB und per Video aus Brasilien zugeschaltet. Nicht umsonst sei in Ländern mit hoher Automatisierung wie Deutschland, Japan und Südkorea die Arbeitslosenquote sehr niedrig, würden schnell wegfallende einfache Tätigkeiten durch höherqualifizierte Jobs ersetzt.

Der Manager sieht es pragmatisch: „Einige Jobs werden verschwinden, andere werden entstehen.“ Urteilsvermögen und Expertise seien weiterhin gefragt, das könne die Maschine dem Menschen nicht abnehmen. „Was anders ist als bei früheren Revolutionen: Wir haben nicht vier Generationen Zeit, um uns daran anzupassen.“

Es ist ein Spagat für Familienunternehmer und Vorstände, wie Michael Süss beipflichtete, Verwaltungsratschef von Oerlikon: „Es wird Gewinner und Verlierer geben. Wir müssen aufpassen, dass wir niemanden überfordern – wir dürfen aber auch nicht langsamer werden.“ Die Chance ist indes enorm: Industrienationen, so ist Süss überzeugt, könnten ihre herausgehobene Position in den nächsten 30 Jahren mithilfe der Technologie halten. Nicht jeder Betrieb gerät in den Griff des eisernen Raufbolds.

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