Handelsblatt-Interview
Angst vor dem Wandel

Katars Wirtschaftsminister Mohamed bin Ahmed bin Jassim Al Thani spricht in einem Handelsblatt-Interview über die Schwierigkeiten, die sich bei der Umsetzung von Reformen in arabischen Ländern ergeben. Der Zugang breiter Bevölkerungsschichten zu Bildung und Mut zu eigenverantwortlichem Handeln soll im Wüstenstaat als Schlüssel für anhaltenden wirtschaftlichen Erfolg vorangetrieben werden.

Warum tun sich arabische Staaten so schwer mit Reformen?

Wir haben eine Diagnose und wir wissen wie wir die Krankheit heilen können. Sogar die Herrscher wissen das. Aber die Angst vor Wandel wirkt lähmend. Reformen sind jedoch unumgänglich. Sie werden kommen, in einigen Ländern schneller, in anderen langsamer.

Wovon hängt das Tempo ab?

Jedenfalls nicht von der Staatsgröße. An dem Prozess sind drei Gruppen beteiligt. Der Staat, die Privatwirtschaft und die Zivilgesellschaft. Wir leiden noch in vielen Staaten unter zuviel Selbstzufriedenheit. Diese Mentalität muss sich ändern. Wenn wir Jobs für die Menschen schaffen wollen, muss der Privatsektor mehr Druck ausüben. Die Menschen dürfen sich nicht zurücklehnen und auf Taten der Regierungen warten.

Aber darüber wird schon seit fünfzehn Jahren in der arabischen Welt geredet. Und was ist geschehen?

In der Tat wenig. Und daher muss der Privatsektor bei diesem Prozess eine stärkere Rolle spielen. In manchen Länder wirken auch die alteingesessenen Unternehmen noch als Bremse. Sie wollen keine Veränderungen. Aber wenn der Wandel nicht von innen eingeleitet wird, kommt er zwangsläufig von außen.

Sind Reformen nach amerikanischen Vorstellungen denn eine Lösung, mit der sich die arabische Welt arrangie-ren könnte?

Wohl kaum. In Katar betreiben wir Reformen seit 1996. Lange vor dem 11. September 2001 also. Veränderungen sind nur möglich, wenn man die Herzen und den Verstand der Menschen gewinnt.

Also muss man bei Erziehung und Bildung ansetzen?

Genau. Die Bildungssysteme in der arabischen Welt halten mit dem globalen Standard nicht Schritt. Den Arabern jetzt auf einmal vorzuschreiben, was sie zu tun und lassen haben, überfordert sie. Die Bevölke-rungen müssen selbst die treibenden Kräfte für Reformen werden. Sonst enden alle Bemühungen im Chaos. Wir brauchen daher zivile Instituti-onen in den nächsten drei bis vier Jahren, nicht erst in zwanzig, die diese Aufgaben übernehmen. Die Zeit spielt dabei nicht für uns.

Was unterscheidet denn Katar beispielsweise von Saudi Arabien?

Ich möchte zu Saudi Arabien keinen Kommentar abgeben. Wir haben uns nach dem Herrscherwechsel 1995 bemüht, zukunftsorientiert zu denken. Das schließt Glaubwürdigkeit in der Politik, Bildung aber auch Mei-nungsfreiheit und Demokratie ein. Da haben wir einiges erreicht, aber noch einen weiten Weg vor uns.

Und wie sehen die nächsten Schritte aus?

Wir müssen sicherstellen, das die Bevölkerung ein besseres Bildungsangebot nutzt, um das Land zu verändern. Und wir müssen zusehen, dass die Menschen Arbeitsangebote in der freien Wirtschaft annehmen anstatt sich bei Regierungsstellen zu bewerben.

Aber die Zusammenarbeit zwischen Industrie und Universitäten gilt noch als Schwachpunkt Katars...

Stimmt. Wir müssen daher eine faire, wirtschaftsfreundliche Gesetzgebung entwickeln. Wir müssen den Handel liberalisieren. Wir müssen eine neue, offene Handelskultur schaffen. Das ist ein Gesamtpaket, das wir schnüren wollen.

Stoßen Sie dabei auf innere Widerstände?

Natürlich. Es gibt auch bei uns Leute mit Vermögen, die sich lieber zurücklehnen, sich weigern Wettbewerb anzunehmen. Das müssen wir ändern.

Wie wollen Sie Katar gegenüber Nachbarn wie die Vereinigen Arabischen Emirate oder Bahrein positionieren? Wo liegt die wirtschaftliche Nische Katars?

Gute Frage. Katar hat einen Wettbewerbsvorteil: das Erdgas. Das ist unsere Nische, daraus leiten wir viele Geschäfte ab, von der Petrochemie bis zu den Dienstleistungen. Dann wollen wir Katar zu einem regionalen Bildungszentrum ausbauen, ein Finanzzentrum errichten, den Tourismus fördern und zahlreiche islamische Kulturstätten ansiedeln, die man nur in Katar ansehen kann.



Seite 1:

Angst vor dem Wandel

Seite 2:

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%