Handelsblatt-Interview
„Das Problem liegt im fehlenden Erzeuger-Wettbewerb“

In Deutschland sind 90 Prozent der Strom-Erzeugungskapazitäten in der Hand von vier großen Verbundunternehmen. Die Bundesnetzagentur hatte sich dafür ausgesprochen, dass durch eine Konsolidierung der kleineren Versorger ein Gegengewicht geschafft werden soll. Das Handelsblatt sprach darüber mit dem Vorstandschef der MVV Energie AG, Rudolf Schulten.

Herr Schulten, die Strompreise für Großkunden - Stadtwerke und Industrie - sind 2005 dramatisch gestiegen. Rechnen Sie auch 2006 mit einem weiteren Anstieg der Großhandelspreise?

Da ich kein Prophet bin, kann ich das natürlich nicht sicher sagen. Ursachen dieser Unsicherheit ist dabei die weitere Entwicklung im Bereich des Emissionshandels und des Preises der Zertifikate. Schon im letzten Jahr hat es hier eine sehr starken Anstieg gegeben. Zu Beginn des Jahres 2006 sind die Preise deutlich nach oben gegangen; in den letzten Tagen ist es wieder zu einer gewissen Beruhigung - allerdings auf sehr hohem Niveau - gekommen. Das grundsätzliche Problem jedoch liegt in dem weitgehend fehlenden Wettbewerb im Erzeugungsbereich. Ohne neue Kraftwerke, also ohne zusätzliche Liquidität auf der Angebotsseite, wird sich daran kurzfristig nichts ändern.

Funktioniert der Stromgroßhandel?

Mit der Börse gibt es einen funktionsfähigen Marktplatz, der technisch grundsätzlich auch sauber funktioniert. Allerdings ändert der Großhandel nichts an der zu Grunde liegenden Marktstruktur und den zu Grunde liegenden Marktbedingungen.

Welche Rolle spielt die Konzentration der Stromerzeugung auf die vier großen Konzerne Eon, RWE, EnBW und Vattenfall?

Nach neuesten Untersuchungen sind in Deutschland 90 Prozent der Erzeugungskapazitäten in der Hand der vier großen Verbundunternehmen. Diese Tatsache gilt es erst einmal aus meiner Sicht nur festzustellen. Nach allen volkswirtschaftlichen Grundregeln wäre mit einer geringeren Konzentrationsrate die Wettbewerbsintensität allerdings höher als in einem solchen Oligopol. Dies steht in jedem Lehrbuch.

Welche Möglichkeiten sehen Sie, die Großhandelspreise in den Griff zu bekommen?

Das ist die falsche Fragestellung. Es geht nicht darum, etwas in den Griff zu bekommen. Märkte produzieren erst einmal nur Preise. Diese sind nicht per se gut oder schlecht. Allerdings können wettbewerbsfördernde Rahmenbedingungen zu einem marktgerechten Ausgleich von Angebot und Nachfrage führen. Wir fordern daher schon seit Jahren etwa den Ausbau Kuppelkapazitäten an den Ländergrenzen, eine einheitliche Regelenergiezone oder die Erhöhung der Markttransparenz.

Wie können speziell Stadtwerke reagieren? Ist der Bau eigener Kraftwerke sinnvoll?

Das hängt sehr von der jeweiligen indisviduellen Situation der Stadtwerke ab. Die MVV Energie Gruppe zum Beispiel hat bereits eine aus unserer Sicht gesunde Eigenerzeugungsquote von über 50 Prozent. Was darüber hinaus unverzichtbar ist, sind ein konsequentes Risikomanagement und geeignete Absicherungsstrategien im Bereich der Beschaffung.

Würde ein Ausbau der europäischen Netzkuppelstellen für mehr Wettbewerb sorgen?

Aus unserer Sicht ist das eine der zentralen und rasch greifenden Maßnahmen, mit denen der Wettbewerb auf dem Strommarkt durch eine höhere Liquidität gefördert werden könnte. Wettbewerb braucht Wettbewerber - auch im Erzeugungsmarkt. Wenn auch ausländische Erzeuger auf dem deutschen Markt als Anbieter auftreten können, erwarten wir zusätzliche Bewegung auf dem Markt.

Die Fragen stellte Jürgen Flauger

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