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Deutsche Konzerne hängen Nachbarn ab

Bisher galt stets die Faustregel: Im Aufschwung gewinnen die deutschen Unternehmen, im Abschwung schlägt sich die französische Wirtschaft besser. In der aktuellen Krise scheint dieser Grundsatz allerdings keine Gültigkeit mehr zu haben: Denn trotz massiver Exportausfälle hierzulande sind die Einbrüche in Deutschland nicht stärker, als beim Nachbarn auf der anderen Rheinseite.

DÜSSELDORF. Frankreichs Ölriese Total verdient mit zehn Mrd. Euro zwar mehr als jeder deutsche Konzern. Porsche kommt im abgelaufenen Geschäftsjahr "nur" auf einen Nettogewinn von 6,3 Mrd. Euro, und Volkswagen streicht als erfolgreichstes Dax-Unternehmen 4,8 Mrd. Euro ein. Doch Totals Top-Stellung verzerrt Frankreichs Gesamtbilanz. Denn tatsächlich büßen die großen börsennotierten Industrie-, Handels- und Dienstleistungskonzerne in Frankreich genauso viel ein wie in Deutschland.

Bei den Unternehmen dies- und jenseits des Rheins galt stets eine Faustregel: Im Aufschwung gewinnen die Deutschen, im Abschwung schlagen sich die Franzosen besser. Der Grund: Die vielen exportlastigen und konjunkturempfindlichen Industriefirmen in der Bundesrepublik profitieren überdurchschnittlich vom Boom der Weltwirtschaft. Allerdings schlittern sie rasch in die roten Zahlen, sobald die Nachfrage sinkt. Anders die Franzosen: Sie halten sich mit ihren eher konsum- und binnenmarktorientierten Firmen im Abschwung besser, weil diese Branchen weniger schwankungsanfällig sind.

Bislang ging diese Rechnung auch auf. Vier Jahre lang, bis 2007, steigerten deutsche Firmen ihre Nettogewinne stärker als französische. 2006 und 2007, als die Weltwirtschaft besonders zügig wuchs, legten die Gewinne von einem Rekordniveau noch einmal um ein Viertel und im Jahr darauf um 17 Prozent zu. In Frankreich stagnierten sie, nachdem sie in den beiden Jahren zuvor schon weniger gestiegen waren.

Doch 2008, als alle Vorgaben gegen die Deutschen sprachen, weil die Exporte massiv einbrachen, geht die alte Regel nicht mehr auf. Richtig bleibt zwar, dass die Gewinne in Deutschland stark sinken: um 34 Prozent gegenüber dem Boomjahr 2007. Die wichtige Marge bricht sogar regelrecht ein: Pro 100 Euro Umsatz bleiben unter dem Strich nur noch 3,41 Euro hängen - nach 5,46 Euro im Jahr zuvor.

Doch in dem bis dato schwankungsärmeren Nachbarland sind die Einbrüche nicht minder stark. Keineswegs sorgen nun die weniger konjunktursensiblen Branchen für Entlastung. Im Gegenteil: Die Nettogewinne brechen bei den 30 größten Unternehmen Frankreichs sogar noch einen Prozentpunkt mehr ein als im Nachbarland.

Die Misere Frankreichs, geringe Steigerungsraten im Boom, heftige Einbrüche im Abschwung, wurden schon vor Jahren angelegt - und kommen deshalb mit Ansage. Richtig ist zwar, dass Deutschland und seine Unternehmen sehr viel stärker von der Industrie geprägt sind, sodass deren Wachstum besonders zyklisch verläuft. So beträgt der Anteil des Verarbeitenden Gewerbes an der gesamten Bruttowertschöpfung in Deutschland ein Viertel, während Frankreich nur auf knapp zehn Prozent kommt. Darüber hinaus ist Deutschland mit einer Ausfuhrquote von fast 50 Prozent sehr viel stärker vom Welthandel abhängig als Frankreich, das nur ein Viertel seines Bruttoinlandsprodukts exportiert. Deshalb leidet Deutschland ganz besonders unter dem weltweiten und synchron verlaufenden Nachfrageeinbruch.

Aber: Deutschlands Unternehmen machten sich in den Jahren vor der Krise wetterfester und wettbewerbsfähiger als ihre französischen Konkurrenten. Dazu trugen vor allem die Lohnstückkosten bei: Sie stagnieren seit der Jahrtausendwende, während sie sich in Frankreich um mehr als ein Viertel verteuerten. In der Krise infolge der geplatzten Technologieblase und den mageren Jahren nach den Terroranschlägen am 11. September 2001 begannen die deutschen Konzerne, sehr viel produktiver als in der Vergangenheit zu arbeiten: Sie modernisierten ihre Produktionsanlagen, strafften ganz besonders die Verwaltungen, was mit vielen Entlassungen einherging, und verlagerten ganze Plattformen in Niedriglohnländer. Das Ergebnis schlägt sich in steigenden Gewinnen trotz stagnierender Umsätze während der Krise 2002 und 2003 nieder.

"Diese höhere Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Unternehmen bietet nun die Chance, von dem zu erwartenden Aufschwung der Weltwirtschaft wieder überproportional profitieren zu können", analysieren die Volkswirte der Helaba in einer vergleichenden Studie zu den beiden Nachbarstaaten. Geht die Rechnung auf, dann steigern Deutschlands Unternehmen im nächsten Boom ihre Gewinne wieder sehr viel stärker als die Franzosen.

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