Handelsblatt-Report
Wie Gulliver unter den Riesen

Ein neuer Tanker alle fünf Tage: Auf Jahre ist die größte Werft der Welt ausgebucht. Aber dem koreanischen Hyundai-Konzern erwächst schon ein neuer Konkurrent: China.

ULSAN. Mit Beethovens „Für Elise“ kündigt sich das 15 Meter hohe graue Ungetüm an. Wenige Zentimeter über den Köpfen der Arbeiter schwebt es langsam dahin. Allein die Größe schüchtert ein, das Gewicht von mehreren hundert Tonnen umso mehr.

Auf der größten Werft der Welt ist das Alltag. Ständig fährt oder rollt irgendetwas Riesiges vorbei. Wie in Warteschleifen am Telefon dudeln Warnmelodien – manchmal erklingt eben Beethoven. Nirgendwo sonst werden so viele Schiffe gebaut wie hier, auf der Werft von Hyundai Heavy Industries in der südkoreanischen Küstenstadt Ulsan. Fast alle fünf Tag wird eines fertig – Massengutfrachter, Containerschiffe, Öltanker. Sie gehen an Reedereien in der ganzen Welt: Kuwait, Ghana, Iran, Deutschland.

Die deutsche Hapag Lloyd etwa ist Großkunde in Ulsan. 15 Prozent aller Schiffe weltweit stammen von Hyundai Heavy – und alle werden hier in Ulsan auf der 4,8 Quadratkilometer großen Werft gebaut, einem Gelände so groß wie 680 Fußballfelder.

Größe ist hier Leitmotiv – und ein Tag auf der Werft zeigt warum.

Yeong-Un Jang fährt mit dem Aufzug scheppernd hinauf zur Arbeit. Der 55 Jahre alte Projektmanager mit dem runden Gesicht, der unscheinbaren Brille und dem verlegenen Lächeln trägt wie alle anderen Beschäftigten den dunkelblauen Firmenblouson mit seinem eingestickten Namen und einen weißen Helm. In seinen Händen liegt der Bau der 28 Meter hohen und fast 300 Meter langen „Venice Bridge“, eines Containerschiffs für die japanische Kawasaki Line.

Vom Deck des Schiffes streift der Blick über das Werftgelände, auf dem Jang seit 28 Jahren arbeitet. Vor den Häusern der Stadt und den bewaldeten Bergen, die die geschützte Bucht von Ulsan umgeben, liegen die 50 gigantischen Werkstätten und Lagerhallen verstreut wie Bauklötze. Auf einer Halle prangt in großen, weißen Zeichen das Motto „Unser Wohlstand ist der Wohlstand der Nation“ als Ansporn für die 13 000 Beschäftigten. Am Ufer ragen Kräne mehr als 100 Meter in die Höhe – sie heißen „Goliath“. Sie dominieren mit Leichtigkeit die fast 30 Meter hohen Ozeandampfer, die in den neun Trockendocks ihrer Fertigstellung harren. Irgendwo sprühen Funken.

Die Helme der Arbeiter in Trockendock Nummer vier sehen von hier oben aus wie Stecknadelköpfe. Erst die Winzigkeit der Gestalten, die tief unten am Schiffsboden schweißen, macht die Größe des Schiffs deutlich.

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