Handelsblatt-Reportage
Überbelichtet!

Die Leica, der sagenumwobene Klassiker der Fotografie, steckt in tiefen Schwierigkeiten. Die Leiden eines Liebhabers.

SOLMS. Mit der Leica muss es Besonderes auf sich haben. Der Laie mag das nicht sofort verstehen: Das Design ist schlicht und die Kamera bietet ihrem Nutzer wenig Hilfestellung. Doch in der Hand von renommierten Fotografen wurde die Leica zur Heldin der Fotografie. Die Menschheit verdankt Elliot Erwitt geniale Fotos. Bilder von Richard Nixon, Nikita Chruschtschow, Marilyn Monroe, Grace Kelly, Fidel Castro oder Jackie Kennedy. Und sie verdankt ihm die Anekdote von seiner Begegnung mit dem Papst. Es war Pius XII., der Erwitt eine Privataudienz gewährte. Zum Abschluss der Begegnung bot der Heilige Vater dem Fotografen an, einen Gegenstand zu segnen, der Erwitt besonders am Herzen liegt. Erwitt zögerte keine Sekunde, griff zu seinem Handwerkszeug, einer abgenutzten Leica M 3. Fortan, das behauptet Erwitt noch heute, waren alle Bilder, die er mit dieser Kamera machte, leicht überbelichtet.

Die Anekdote verdeutlicht: Mit der Leica muss es Besonderes auf sich haben. Der Laie mag das nicht sofort verstehen: Das Design ist schlicht, die Liste der Ausstattungsmerkmale kurz. Die Kamera bietet ihrem Nutzer wenig Hilfestellung, bestraft jede Fehlbedienung und verzichtet auf jede Spielerei. Aber in der Hand von Elliot Erwitt, Henri Cartier-Bresson, Robert Doisneau oder Robert Capa wurde die Leica zur Heldin der Fotografie, zum sagenumwobenen Klassiker. Die Lobgesänge auf diese Kamera füllen Dutzende von Büchern.

Und heute? Strategiefehler, Millionenverluste und dauernde Wechsel beim Personal: Die Leica Camera AG steckt in einer tiefen Krise. „Leica hat den Trend zu Digitalkameras komplett verschlafen“, urteilt Paul Withington von der Marktforschungsgesellschaft IDC. Und besetzt deshalb nur noch eine Nische im weltweiten Kameramarkt, der jährlich mehr als 30 Milliarden Dollar schwer ist.

Die Aktionäre zittern, die Banken zögern. Das Unternehmen braucht dringend frisches Kapital. Am 31. Mai wird sich zeigen, ob die Firma eine Zukunft hat. An diesem Tag entscheiden die Anteilseigner auf einer außerordentlichen Hauptversammlung über eine vom Management vorgeschlagene Kapitalerhöhung. Dem Schritt müssen vor allem die zwei größten Aktionäre, Hermès und Austrian Capital Management, zustimmen, die gemeinsam fast 60 Prozent an Leica halten. Für die Beteiligung an einer Kapitalerhöhung verlangen beide eine schlüssige Strategie des neuen Vorstandschefs Josef Spichtig („Ein Mythos und seine Probleme“). Der Sanierungsexperte Spichtig, der die Nachfolge des im April zurückgetretenen Leica-Vorstandschefs Ralf Coenen antrat, hat bislang wenig preisgegeben. Für Interviews steht der Schweizer erst nach der Hauptversammlung zur Verfügung.

Am Ortsrand des hessischen Städtchens Solms mahnt ein Schild „Achtung Kindergarten“. Ein anderes weist den Weg zum Campingplatz „Schohleck“, ein weiteres den Weg zum Leica-Werk. Rapsfelder, Obstbäume, rote Dächer, im Hintergrund die Silhouette des Schlosses Braunfels, in dieser malerischen Umgebung baut die Leica Camera AG in einem flachen Zweckbau ihre Kunstwerke. Feinmechaniker in weißen Kitteln sitzen an Werkbänken und montieren eine M 7 aus 1 400 Teilen zusammen. Das dauert elf Stunden. Die Fertigungstiefe ist absurd hoch: „Kein Teil kommt von der Stange, wir machen fast alles selbst. Und die wenigen Zulieferer fertigen maßgeschneiderte Teile nur für unsere Produkte“, erklärt Unternehmenssprecher Gero Furchheim. Die Produkte sind denn auch nicht gerade günstig. Eine M 7 kostet 3 300 Euro – ohne Objektiv, versteht sich. Ein Modell der R-Serie ist ab 2 900 Euro zu haben.

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