Hannover Messe
Das Pfeifen in der Hölle

Auf der Hannover Messe sehnt sich eine von der Krise ramponierte deutsche Industrie ein bisschen Hoffnung herbei. Und erinnert die Politik an ein paar alte Wünsche.

HANNOVER. Das alte Deutschland zu finden ist nicht einfach. Es liegt im Convention Center, Raum 18, zweite Ebene, ziemlich abgelegen. Kein Globus weist den Weg dorthin, nur ein paar blaue Schilder. Das alte Deutschland ist hier, um auf seine Vorzüge hinzuweisen. Vorsprung durch Technik, durch Präzision.

Am Kopfende in Raum Nummer 18, graue Auslegware, sitzt Willi Fuchs an einem schlichten weißen Tisch, ein Mann mit gerötetem Gesicht, in dem ein Paar dichte Augenbrauen und ein Paar schmale Augen wie vier gerade Striche sitzen. Er ist zuständig für das alte Deutschland, Fachbereich nähere und mittelfristige Zukunft. Fuchs ist Direktor des Vereins Deutscher Ingenieure.

Fuchs sagt, die Chinesen verwendeten zwei Pinselstriche, wenn sie das Wort Krise schrieben. Einen für die Gefahr, einen für die Gelegenheit. Er hat sich für die Gelegenheit entschieden.

So ganz ohne Gefahr, das weiß Willi Fuchs vom VDI, geht es im Moment natürlich nicht. Also spendiert er der Krise einen einleitenden Satz. Der Satz gerät ihm fast so kurz wie den Chinesen ihr Krisenstrich. Er umreißt, womit sie es alle hier zu tun haben: Kurzarbeit in der Autoindustrie, 50 Prozent Auftragseinbrüche im Maschinenbau, Traditionsfirmen, die ums Überleben kämpfen.

Man könnte ein saalfüllendes Gemälde in düsteren Farben aus dieser Krise machen, wenn man wollte. Auch die Hannover Messe, zu der Raum Nummer 18 im Convention Center gehört, wäre darauf zu sehen.

13 Schwerpunkte, 25 Hallen, an manchen Eingängen kann man die Putzmittel riechen. Aber den Horizont können auch die Reinigungskolonnen von Kurzarbeit und Insolvenzgefahr nicht so einfach reinigen.

Die größte Industriemesse der Welt ist eine Maschinenbaumesse, die Show einer Schlüsselbranche der deutschen Wirtschaft. Sie leidet unter der Krise wie keine andere. Eben noch durften sich die deutschen Hersteller von Maschinen und Anlagen im Himmel wähnen, 2008 war ein prächtiges Jahr. Nun ist es die Hölle. Im Februar hatten sie nur noch halb so viele Aufträge wie im vergangenen Jahr. Der Branchenverband VDMA erwartet, dass die Produktion in diesem Jahr um bis zu 20 Prozent zurückgeht. Eine Industrie sieht nur noch Dunkel am Ende des Lichts. Sie ist praktisch a.D.

Sie sehnt sich nach einem Zeichen der Hoffnung. Gäbe es eins, würden die Aussteller mit etwas nach Hause fahren, was ihr zuletzt doch sehr volatiles Seelenleben etwas stabilisieren könnte. Nur woher soll sie kommen, die Hoffnung, wenn Prognosen nur noch dazu da sind, wieder ein neues Horrorszenario zu entwerfen, das noch schrecklicher ist? Willi Fuchs hat sich, ganz undeutsch, gegen das Gemälde entschieden und für den chinesischen Strich.

Er sagt, es sei Zeit für eine Neuordnung. Grenzen für die Monopoly-Spieler der Banken! Keine Boni mehr, keine Schlossallee, nix mehr mit einfach über Los gehen!

Die Banken, die Finanzindustrie, das ist für ihn nur ein bisschen Deutschland, das neue, falls überhaupt. Krachend gescheitert jedenfalls.

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