Hans-Christoph Hirt
„Crommes starke Rolle bei Thyssen-Krupp sehen wir kritisch“

Vor der Hauptversammlung des Essener Industriekonzerns äußert Pensionsfonds-Manager Hirt Kritik an der Unternehmensführung. Die Probleme in der Chefetage seien gravierender als das jüngste Milliardendebakel in Brasilien.
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Handelsblatt: Auf der Thyssen-Krupp-Hauptversammlung wird es voraussichtlich viel Kritik wegen der Fehlinvestitionen in Brasilien geben. Werden Sie in diese Kritik einstimmen?

Hans-Christoph Hirt: Den Bau des Stahlwerks in Brasilien muss man im Nachhinein als eine unternehmerische Fehlentscheidung sehen, über die wir natürlich verärgert sind. Allerdings ist es jetzt auch langsam an der Zeit, nach vorne zu sehen. Thyssen Krupp hat inzwischen viele der Vorstände, die bei der Entscheidung federführend waren, ausgewechselt. Der neue Vorstand hat klar gemacht, dass er ähnlich gewichtige Entscheidungen mit so vielen Unwägbarkeiten wie damals bei der Brasilien-Investitionen nicht mehr treffen würde.

Also sind sie rundum zufrieden?

Nein, keinesfalls. Wir sehen die Corporate Governance bei Thyssen Krupp sehr kritisch. Schon 2007 haben wir auf der Hauptversammlung gegen das Entsendungsrecht der Krupp-Stiftung argumentiert, das damals mit knapper Mehrheit durchgesetzt wurde.

Die Stiftung darf seitdem drei Aufsichtsratsmitglieder entsenden. Diese müssen sich nicht zur Wahl stellen.

Ja, und hinzu kommt: Weitere Aufsichtsratsmitglieder stehen der Stiftung nahe. Und da stellen sich für außenstehende Investoren Fragen: Wie viel Einfluss nimmt die Stiftung auf unternehmerische Entscheidungen und werden diese im Aufsichtsrat noch kritisch diskutiert und ausreichend hinterfragt?

Und wie fällt Ihre Antwort aus?

Es ist klar, dass Herr Gerhard Cromme als ehemaliger Vorstandsvorsitzender, jetzt Aufsichtsratsvorsitzender sowie Mitglied und designierter Vorsitzender des Kuratoriums der Krupp-Stiftung eine außergewöhnlich starke Rolle im Unternehmen hat. Das sehen wir kritisch.

Werden sie gegen die Entlastung von Vorstand und Aufsichtsrat stimmen?

Nein, wir haben uns nach gründlicher Analyse und ausführlichem Dialog mit dem Unternehmen dafür entschieden, für die Entlastung zu stimmen.

Warum?

Bei der Abstimmung geht es ja primär um das vergangenen Geschäftsjahr. Und mit Blick darauf und die Veränderungen im Vorstand seit der Brasilien-Entscheidung  schien es wenig zielführend, der Konzernführung die Entlastung zu verweigern. Die Corporate Governance und insbesondere die Rolle der Krupp-Stiftung, ihr Einfluss im Aufsichtsrat und Herrn Crommes Position stehen ja nicht zur Abstimmung. Diese Themen sollten für Investoren im Vordergrund stehen, leider war das Bewusstsein dafür auf der Hauptversammlung 2007, als über das Entsendungsrecht abgestimmt wurde, nicht bei allen Investoren vorhanden.

 

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