Hauptversammlung
Linde-Aktionäre verzeihen Reitzle den Flirt mit Siemens

Die Linde-Aktionäre haben ihrem Vorstandschef Wolfgang Reitzle den Flirt mit dem Siemens-Konzern verziehen. "Wir danken, dass Sie dem starken Druck widerstanden haben", sagte Willi Bender von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger (SdK) am Dienstag auf der Hauptversammlung in München.

dpa-afx MÜNCHEN. Nach der Mrd.übernahme des Konkurrenten BOC sei die Integration in den neuen Linde-Konzern eine schöne Lebensaufgabe. "Das finden sie nicht überall in München." Reitzle war zeitweise Favorit für die Nachfolge von Klaus Kleinfeld als Chef des krisengeschüttelten Siemens- Konzerns. Er entschied sich nach wochenlangen Spekulationen schließlich, seinen langfristigen Vertrag bei Linde erfüllen zu wollen. In dem Konzern herrscht darüber auf breiter Front Erleichterung.

Auch wenn das Chaos bei Siemens groß ist: Der Vorstandsvorsitz bei dem Elektrokonzern ist noch immer einer der herausgehobensten Posten in der deutschen Wirtschaft. So mancher Geschäftsbereich von Siemens ist größer als der gesamte Linde-Konzern. Zuletzt kam Siemens auf einen Gesamtumsatz von mehr als 87 Mrd. Euro, bei Linde werden es in der neuen Aufstellung etwa zehn Mrd. sein. Bei seinem Start in Wiesbaden hatte Reitzle seinen Wechsel von Ford so begründet: Er sei "lieber Kapitän auf einer Fregatte als Offizier auf einem Flugzeugträger". Bei Siemens hätte er nun die Chance gehabt, Kapitän auf einem Flugzeugträger zu werden.

So hatte Reitzle nach Angaben aus seinem Umfeld durchaus gezögert, ehe er nach einigen Wochen endgültig bei Siemens absagte. Der Druck auf Reitzle sei groß gewesen, sagt ein Branchenkenner. Siemens- Aufsichtsratschef Gerhard Cromme versuchte, Reitzle zum Wechsel zu bewegen. Assistiert wurde er dabei von Josef Ackermann, Chef beim Linde-Großaktionär Deutsche Bank, der zugleich auch stellvertretender Siemens-Aufsichtsratschef ist. Angesichts des Chaos bei Siemens - einem der größten Arbeitgeber in Deutschland - appellierten zudem viele an Reitzle, diese "nationale Aufgabe" zu übernehmen. Der mächtige Linde-Aufsichtsratschef Manfred Schneider dagegen drängte Reitzle, seinen langfristigen Vertrag bei Linde zu erfüllen.

Reitzle hat durchaus Lust, nach dem Paukenschlag der Mrd.übernahme jetzt auch die mühsame Integrationsarbeit bei Linde zu erledigen. Auf diesem Weg könnte er in den nächsten Jahren die Früchte des radikalen Umbaus, den er Linde verordnete, selbst ernten. "Wir werden uns auch zukünftig mit vollem Engagement dafür einsetzen, diese außergewöhnlichen Potenziale zu erschließen", sagte er am Dienstag zum Abschluss seiner Rede vor etwa 2000 Aktionären. Von den Anteilseignern gab es viel Applaus für die Arbeit der vergangenen Jahre. "Es ist alles bestens gelungen", lobte Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz.

Als Reitzle vor fünf Jahren seinen Wechsel von Ford zu Linde bekannt gegeben hatte, sorgte das bei vielen für Erstaunen. Der stets elegant gekleidete Lebemann und passionierte Golfspieler mit dem Menjou-Bärtchen auf der Oberlippe schien so gar nicht zu dem eher drögen Mischkonzern aus Wiesbaden zu passen. "Die Firma gilt zwar nicht als sexy, ist aber grundsolide und hat erstklassige Produkte. Linde braucht Fantasie und eine Vision für die Zukunft", sagte er bei seinem Start bei Linde. Durch den Verkauf der Gabelstapler-Sparte und die Konzentration auf das Gasegeschäft ist ihm dies in wenigen Jahren gelungen. Für Siemens galt er auch deswegen als Wunschkandidat, weil der radikale Umbau ohne größeren Krach mit den Arbeitnehmervertretern gelang. Für Reitzle aber ist das Kapitel Siemens beendet. Bei der Hauptversammlung ging er mit keinem Wort auf das Thema ein./ax/ir/DP/zb

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