Hauptversammlung
RWE-Chef Großmanns Stunde schlägt

Jürgen Großmann lässt sich ungern von seinen Aufsichtsräten bremsen. Doch die verlieren langsam die Geduld mit dem Basta-Stil des RWE-Chefs. Deswegen gilt heute auf der Hauptversammlung: Wer Wind sät, der erntet oft Sturm.

ESSEN. Die Studie für den Aufsichtsrat ist 60 Seiten dick und streng vertraulich. Jedes Blatt ist mit großen, schraffierten Ziffern hinterlegt. Jedem Empfänger ist eine Nummer zugeordnet. Denn das Papier ist brisant für die Führung von RWE. Es soll bloß nichts durchsickern, denn es geht um eine Machtfrage.

Aufsichtsratschef Thomas Fischer hat das Papier den Kontrolleuren und Vorständen des Energiekonzerns Anfang April geschickt, heute wollen sie es debattieren. Das Thema: Wie effizient arbeitet der Aufsichtsrat? Und wie ist sein Verhältnis zum Vorstand? Der Corporate-Governance-Experte Florian Schilling von der Unternehmensberatung Board Consultants International hat das in Einzelinterviews durchleuchtet.

Solche „Board Reviews“ lassen viele Konzerne erstellen. Bei RWE ist das aber alles andere als Routine. Der ruppige Stil von Konzernchef Jürgen Großmann stößt vielen Kontrolleuren zunehmend auf. Seit seinem Amtsantritt im Herbst 2007 reizt Großmann seine Befugnisse aus. Bei seinem Projekt „Neue RWE“ will er sich nicht von nervenden Aufsichtsräten bremsen lassen. Die wollen sich den Stil ihres Vorstandschefs nicht mehr lange gefallen lassen. Gibt er nicht nach, riskiert Großmann seinen Job.

Manchem Vorstandschef ist vor einer Hauptversammlung ein wenig mulmig vor den vielen Fragen der Aktionäre. Gut, dass einem der Aufsichtsrat auf dem Podium den Rücken stärkt. Bei Jürgen Großmann ist es genau umgekehrt, wenn er heute seine Aktionäre in der Gruga-Halle zu Essen empfängt. Den Kleinaktionären kann er viel Gutes berichten, aber steht der Aufsichtsrat noch voll hinter ihm? Die Zweifel mehren sich, ob Großmanns Basta-Stil à la Gerhard Schröder noch lange tragbar ist.

Wenn sich heute früh die ersten Aktionäre in den Foyers der Halle mit Kaffee und Croissants für den Tag stärken, muss sich der Vorstandschef im kleinen Kreis unangenehme Fragen gefallen lassen. Denn dann beugt sich der Aufsichtsrat über die Ergebnisse der 60-Seiten-Studie.

Dabei könnte es doch so ein entspannter Tag für Jürgen Großmann sein. Gut, vor der Halle werden wieder ein paar versprengte Anti-Atom-Lobbyisten mit ihren Plakaten lärmen. Routine für den RWE-Chef. Drinnen vor der Bühnendeko im hellblauen RWE-Design erwartet ihn dennoch eine eher entspannte Debatte. Eineinhalb Jahre nach seinem Start darf der Zwei-Meter-Mann guten Gewissens behaupten: Der Umbau des trägen Konzerns kommt voran.

Viele Doppelfunktionen, manche überflüssige Hierarchien hat Großmann beseitigt. Erst vorgestern zurrte der Vorstand die Auflösung der aufgeblähten Zwischenholding für das Vertriebsgeschäft RWE Energy fest und benannte die Vorstände für zwei neue, straffer geführte Vertriebs- und Netzgesellschaften. Mit dem größten niederländischen Versorger Essent hat Großmann den wichtigsten Zukauf seit Jahren an der Angel. Den jahrelangen Abwärtstrend hat der Konzern gestoppt, er gewinnt endlich wieder Kunden und Marktanteile hinzu. Die Billigmarke Eprimo hat im vergangenen Jahr die Kundenzahl auf über 550000 mehr als verdoppelt. Und die neue Tochter für erneuerbare Energien, RWE Innogy, die Großmann aus der Taufe hob, verkündet im Monatstakt Fortschritte bei großen Windkraftprojekten vor der deutschen und vor der britischen Küste.

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