Heidelcement-Chef zu Stuttgart 21
„Die Gefahr ist groß, dass nichts mehr geht“

Mit seinen Baustoffen trägt auch der deutsche Dax-Konzern Heidelcement zum Vorankommen des Infrastrukturprojekts Stuttgart 21 bei. Im Handelsblatt-Interview spricht Heidelcement-Chef Scheifele über seine Einstellung zum Umweltschutz und zum umstrittenen Bahnhofsbau.
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Handelsblatt: Herr Scheifele, beim Projekt Stuttgart21 sollen jede Menge Zement, Sand und Kies verbaut werden. Schon allein deshalb müssten sie ja dafür sein?

Scheifele: Sicherlich bietet das Projekt attraktive Aufträge für die Bauindustrie. Ich halte das Projekt aber allein schon aufgrund der verbesserten Infrastruktur für die Stadt Stuttgart und das Land Baden-Württemberg für sinnvoll.

Was würde denn ein Scheitern des Projektes bedeuten?

Dass es in der Bundesrepublik auf absehbare Zeit nicht mehr möglich ist, notwendige große Infrastrukturprojekte zu bauen. Ob der neue Bahnhof wirklich der Weisheit letzter Schluss ist, weiß ich nicht, aber wenn das Projekt jetzt aufgehalten wird, dann ist die Gefahr groß, dass in diesem Land nichts mehr geht.

Wenn Stuttgart 21 scheitert, hat das doch nichts mit anderen Projekten zu tun?

Doch. Es ist ein Projekt, das in 15 Jahren alle Genehmigungsstufen durchlaufen hat. Wenn selbst genehmigte Projekte nicht mehr durchgeführt werden können, werden sich Unternehmen bei Investitionen in diese Projekte zurückhalten, weil sie immer fürchten müssen, dass die Projekte später doch noch gekippt werden. Und gerade in Deutschland stehen in Zukunft einige wichtige Infrastrukturprojekte an.

Welche Projekte meinen Sie?

Nun, zum Beispiel den Ausbau der erneuerbaren Energien. Dieser erfordert den Bau zusätzlicher Speicherkraftwerke und Stromautobahnen, insbesondere von Norden nach Süden also durch weite Teile der Bundesrepublik. Wer soll sich auf diese Projekte einlassen, wenn er nicht von einer verlässlichen Genehmigung ausgehen kann. Dies ist nur ein Beispiel, Deutschland hat aber immer noch grundsätzlich Nachholbedarf beim Ausbau und der Modernisierung der Infrastruktur. Eine leistungsfähige Infrastruktur ist Voraussetzung für den Erhalt der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit. Die Industrie braucht Verlässlichkeit, um diese Projekte erfolgreich angehen zu können.

In Stuttgart geht es auch um den Erhalt des alten Baumbestandes. Was bedeutet für Sie Umweltschutz?

Mein Vater war Forstmann. Natur und Wald bedeuten mir wirklich etwas. Ich bin auch gegen Verschwendung in jedem Sinne. Aber, ob man aus den Bäumen im Schlosspark, die auch ich schon seit 40 Jahren kenne, ein Fanal machen sollte, da habe ich meine Zweifel. Ein weitsichtiges und für das Land enorm wichtiges Projekt wie die Rheinbegradigung durch Tulla vor fast 200 Jahren wäre heute doch gar nicht mehr möglich. Wenn man dies nicht mit riesigen Investitionen damals gemacht hätte, dann sähe es am Oberrhein noch heute aus wie der Kongo, zwei Kilometer breit und ständig Überschwemmungen.

Müssen Politik und Industrie wieder besser zusammen kommen?

Ich weiß nicht, ob sie so weit entfernt sind. Die Industrie hat in der Vergangenheit mit Bundeskanzlern mit ausgeprägter Wirtschaftskompetenz immer gut zusammen gearbeitet. Wirtschaftliche Belange hatten zum Beispiel bei Helmut Schmidt oder Gerhard Schröder von der SPD immer einen hohen Stellenwert, auch durch die Klientel der Arbeiter. Aus Sicht eines einzelnen Unternehmens ist Politik oft unberechenbar. Politik achtet sehr stark auf öffentlichen Meinungen. Und die können sich sehr schnell ändern. Während Unternehmen sehr lange Zeithorizonte haben. Auch hier wäre mehr Verlässlichkeit wünschenswert.

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