Heilpflanzen
Das Geschäft mit den bedrohten Kräutern

In Brasilien sind Boerhinger Ingelheim und Vegeflora auf einer wichtigen Mission: Sie retten eine Heilpflanze vor dem Aussterben - und zeigen nebenbei, das nachhaltiges Wirtschaften allen nutzt.
  • 0

TeresinaDer kniehohe Strauch ist unscheinbar und leicht zu übersehen. Jaborandí heißt die Pflanze, die in den Wäldern rund um das Dorf Cudias im äußersten Norden Brasiliens wächst. Übersetzt aus der Sprache der Tupi-Indianer heißt das so viel wie "was dich zum Sabbern bringt". Denn schon die Ureinwohner wussten, dass Jaborandí den Speichel und Schweiß fließen lässt und Magen, Darm und Blase anregt. Heute wird das Pilocarpin, das sich aus ihren Blättern gewinnen lässt, vor allem als Wirkstoff für Medikamente gegen den Grünen Star genutzt.

Weltweit leiden knapp 800 Millionen Menschen unter dieser Augenkrankheit - knapp jeder siebte von ihnen verträgt kein synthetisch hergestelltes Pilocarpin. Doch jahrelanger Raubbau und die zunehmende Entwaldung haben das nur in Brasilien wachsende Kraut auf die rote Liste der bedrohten Arten gebracht.

Dass Augenkranke trotzdem weiter auf die Heilpflanze zurückgreifen können, verdanken sie Boehringer Ingelheim und Vegeflora. In einer Art deutsch-brasilianischem Joint Venture für Nachhaltigkeit helfen beide Pharmaunternehmen mit, Jaborandí vor dem Aussterben zu bewahren - und sichern damit auch ihr eigenes Geschäft. Gleichzeitig verbessern sie die Lebensbedingungen von 1.700 Familien in einigen der ärmsten Bundesstaaten Brasiliens.

Vegeflora verkauft jährlich zwei bis 2,5 Tonnen Pilocarpin-Nitrat für rund 3.000 Dollar pro Kilo und kontrolliert damit zwei Drittel des Weltmarkts, erzählt Firmenchef Michael Andersen. 46 Angestellte verarbeiten die getrockneten Blätter in einer Fabrik in der Stadt Teresina. Die Fabrik hat Vegeflora vor zehn Jahren vom US-Konzern Merck übernommen.

Merck züchtete Jaborandí damals noch auf eigenen Farmen und belieferte die Fabrik zunächst weiter. Der US-Konzern zog sich dann jedoch nach und nach ganz aus dem Geschäft mit der Heilpflanze zurück. "Irgendwann mussten wir wegen eines Mangels an Blättern einige Monate schließen", erzählt Andersen.

So entstand die Idee, neben dem Aufbau einer eigenen Farm auch wieder auf Wildpflanzen zurückzugreifen - ohne ominöse Zwischenhändler, die nicht für die nachhaltige Nutzung der gefährdeten Pflanze garantieren können. Unterstützt von brasilianischen Behörden und Entwicklungshelfern der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ), die sich in Brasilien für die nachhaltige Bewirtschaftung des Regenwalds einsetzt, suchte Vegeflora vor drei Jahren den Kontakt zu verschiedenen Gemeinden in den Bundesstaaten Pará, Maranhão und Piauí. "Wir haben die Rolle des ehrlichen Maklers übernommen", erklärt GIZ-Projektleiter Tomas Inhetvin.

Seite 1:

Das Geschäft mit den bedrohten Kräutern

Seite 2:

Einsatz für die biologische Vielfalt

Kommentare zu " Heilpflanzen: Das Geschäft mit den bedrohten Kräutern"

Alle Kommentare

Dieser Beitrag kann nicht mehr kommentiert werden. Sie können wochentags von 8 bis 18 Uhr kommentieren, wenn Sie angemeldeter Handelsblatt-Online-Leser sind. Die Inhalte sind bis zu sieben Tage nach Erscheinen kommentierbar.

Serviceangebote
Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%