Heinrich Hiesinger
Thyssen-Chef brüskiert Wulff

Bundespräsident Christian Wulff hat spontan seinen Besuch im Brasilien-Werk von Thyssen-Krupp abgesagt. Grund ist der geplante Verkauf der Edelstahl-Sparte. Die Pläne sind richtig, aber man hätte Wulff einweihen müssen.

Unangenehme Aufgaben müssen Manager zu Beginn ihrer Amtszeit anpacken, sonst werden sie nie gelöst. Dieser Erkenntnis folgt Heinrich Hiesinger. Der neue Chef von Thyssen-Krupp will die Bereiche Edelstahl und Automotive abstoßen, jeder Fünfte der insgesamt 177 000 Mitarbeiter soll damit einen neuen Arbeitgeber bekommen. Von Stellenstreichungen kann dabei keine Rede sein, bei den meisten Betriebsräten werden Hiesingers Pläne sogar wohlwollend aufgenommen.

Sie wissen schon lange, dass sich was ändern muss. Statt mit Akquisitionen vielversprechende Bereiche wie das Aufzugsgeschäft zu stärken, hat Thyssen-Krupp unter der alten Führung den Bau eines Stahlwerks in Brasilien durchgedrückt. Über zehn Milliarden Euro kostete die Expansion, das Geld fehlt nun an anderer Stelle.

Kein Wunder also, dass die Kostenexplosion in Brasilien für viele Mitarbeiter und für Investoren ein Reizthema ist. Da passt es ins Bild, dass Brasilien nun zum Ort eines neuen Konflikts wurde. Bundespräsident Christian Wulff sagte kurzfristig einen für Samstag geplanten Besuch im brasilianischen Stahlwerk ab. Wulff wollte nicht freundlich in die Kameras lächeln, während 35000 Arbeiter sich um ihre Jobs sorgen.

Das von Hiesinger gewählte Timing war ungeschickt. Der eigentliche Fehler war aber, dass Hiesinger seinen Besucher nicht vorab über die Pläne informiert hat. Den Bundespräsidenten kann man nicht mit einer Börsen-Pflichtmitteilung abspeisen.
Hiesinger hat sich damit den ersten großen Fauxpas seiner bislang 107 Tage währenden Amtszeit geleistet. Bleibt zu hoffen, dass es der einzige bleibt.

Denn Hiesinger hat ein straffes Programm vor sich. Sein Umbauplan ist der ambitionierteste, den der Ruhrkonzern sich jemals vorgenommen hat. Und er zeigt, wie groß die Probleme bei Deutschlands größtem Stahlproduzenten sind.
Thyssen-Krupp hat zwar einen traditionsreichen Ruf, ist aber bei der globalen Marktpositionierung in der zweiten Liga angekommen. Während der Konzern sein Geld in Amerika investiert, expandiert die Konkurrenz in Asien. Dort wachsen die Märkte.

Mit seinem Portfolio könnte der Konzern davon profitieren, aber Thyssen-Krupp ist zu breit aufgestellt. Die Firma ist ein Sammelsurium, das Stahl, U-Boote und Getriebe für Windkraftanlagen produziert und nebenbei noch Fabriken baut. Vieles davon verspricht satte Gewinne, aber dafür muss kontinuierlich in die Sparten investiert werden. In der Krise wurde dies unterlassen.

Dieses Defizit will Hiesinger nun beseitigen. Mit frischem Geld will er die Bereiche auf Vordermann bringen, die das größte Wachstum versprechen. Um diese Strategie zu finanzieren, bleibt Hiesinger keine Alternative zum massiven Verkaufsprogramm. Positiv ist, dass er früh den Mitarbeitern und den Investoren reinen Wein einschenkt.

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