In den USA tobt ein Wodka-Boom. Zwischen 2001 und 2006 wurden 260 neue Marken eingeführt. Ob in violetten Gläsern, rosa gefärbt oder mit Kirsch-Vanille-Geschmack versetzt. Um ihre Marken bekannt zu machen, setzen Unternehmer auf Protz und (verstorbene) Prominente – das gibt des Öfteren Ärger.
Ein Viertel aller neuen Spirituosenmarken in den USA sind mittlerweile Wodkas.
ASPEN. Ziemlich außergewöhnlich war die Party, die Craig Dieffenbach zu Silvester im Luxusskiort Aspen in Colorado gab. Supermodel Heidi Klum war erschienen, und ihren Mann, den Sänger Seal, hatte die Blondine aus Bergisch Gladbach auch gleich mitgebracht. Zusammen mit 750 weiteren Gästen bestaunte das berühmte Paar draußen im Schnee vor den Fenstern des Ballsaals das Konterfei des legendären Gitarristen Jimi Hendrix. Dieffenbach hatte es von violetten Scheinwerfern dort hinzaubern lassen.
Als das Promi-Pärchen nach Mitternacht den Heimweg antrat, gab ihnen Dieffenbach noch kleine violette Wodka-Fläschchen mit. Name des hochprozentigen Präsents: „Hendrix Electric Vodka“, seine Erfindung.
Wodka erlebt in den USA unter den Spirituosen einen Boom. Zwischen 2001 und 2006 wurden 260 neue Marken eingeführt. Ob in violetten Gläsern, rosa gefärbt oder mit Kirsch-Vanille-Geschmack versetzt: Immer mehr Unternehmer wie Craig Dieffenbach versuchen ihr Glück als Wodka-Produzenten. Ein Viertel aller neuen Spirituosenmarken in den USA sind mittlerweile Wodkas, haben Marktforscher der Adams Beverage Group ermittelt.
Angefacht wird das hochprozentige Rennen durch das stetige Wachstum im amerikanischen Spirituosenmarkt. Während in den USA die Umsätze mit Bier seit Jahren stagnieren, werden harte Drinks immer angesagter. Cocktails sind „in“, und die aggressiven Werbestrategien der Großkonzerne tun ihr Übriges. Seit sie 1996 ihren freiwilligen Verzicht auf Fernsehwerbung beendet haben, stecken sie immer mehr Geld in Spots für Wodka, Whisky, Cognac & Co.
Vorbild für die Wodka-Glücksritter ist die Kultmarke „Grey Goose“. Die brachte Sidney Frank, ein Veteran des Schnapsgeschäfts, 1997 auf den Markt. 30 Dollar verlangte Frank für eine Flasche – doppelt so viel wie die Marke „Absolut“, die Nummer zwei am US-Markt. Dennoch wurde „Grey Goose“ ein Renner – und Sidney Frank ein Milliardär.
Lesen Sie weiter auf Seite 2: Bei Craig Dieffenbach ist es die Lust aufs ganz große Geld, die ihn treibt.
In zwei Jahren schnellte die Zahl der verkauften Kisten auf 100 000 pro Jahr in die Höhe. 2004 waren es 1,8 Millionen, und Frank verkaufte seine Marke an den Spirituosenkonzern Bacardi – für zwei Milliarden Dollar. „Seitdem betrachten Leute den Wodka-Markt nur noch mit Dollar-Zeichen in den Augen“, sagt Kay Olsen, ein ehemaliger Manager von Marktführer „Smirnoff“, die heute kleine Wodka-Marken berät.
Auch bei Craig Dieffenbach ist es die Lust aufs ganz große Geld, die ihn treibt. 1997 verkaufte Dieffenbach seinen Stadtführer „SeattleOnline“, den er aufgebaut hatte, für ein hübsches Sümmchen. Aber er war erst 45 Jahre alt, also was tun mit dem neuen Vermögen? Er entschied sich für das Geschäft mit Wodka. Die edlen Partys in Aspen sind zentrale Elemente seiner Marketingstrategie. „Es war phantastisch“, sagt Dieffenbach über die Sause mit Heidi Klum. „Es war unglaublich gut für die Marke.“ Zu einer früheren Hendrix-Wodka-Party hatte er schon die Sängerin Mariah Carey begrüßen können.
Attraktiv am Geschäft mit Wodka ist, dass der klare Schnaps relativ einfach und billig herzustellen ist. So sind Gewinnmargen von 40 Prozent und mehr im Wodkabusiness keine Seltenheit.
Brennereien profitieren von dem Boom. Florida Distillers, Tochter der schwedischen V&S Vin & Spirit AG, hat schon mehrere Produktionslinien auf Wodka umgestellt – etwa auf eine Variante mit Koffein namens „p.i.n.k.“. „Wir bekamen sehr viele Anfragen, und ich hielt das für gutes Geschäft“, sagt Chris Kearns, Vizepräsident von Florida Distillers.
Manchen wird es gar schon zu viel. Gray Ottley, Inhaber von Distilled Resources Inc. in Idaho, nimmt keine neuen Wodka-Aufträge mehr an. 19 verschiedene Marken stellt er bereits her. Ottley fürchtet, dass die Wodka-Blase bald platzt. „Wir wurden völlig überrannt“, sagt er. „Ständig klingelte das Telefon.“
Ehe Ottley aufgab, machte er allerdings einen Vertrag mit Craig Dieffenbach über die Herstellung von „Hendrix Electric Vodka“. 5,4 Millionen Dollar haben Dieffenbach und einige Investoren – unter ihnen auch Jimi Hendrix’ Bruder Leon – in die neue Marke gesteckt. Vor einem Jahr organisierte er sogar eine Party am Rande der Oscar-Verleihung in Los Angeles, auf der sich sogar Oscar-Preisträger wie Philip Seymour Hoffman blicken ließen.
Lesen Sie weiter auf Seite 3: Nur wenige der Wodka-Glücksritter haben so viel Geld zur Verfügung wie Dieffenbach.
Seit einigen Monaten müht sich Dieffenbach, seinen Jimi-Hendrix-Wodka in Las Vegas einzuführen. Dafür hat er sogar in der Spielermetropole ein Haus mit sechs Schlafzimmern erworben – vor allem für weitere Wodka-Promotion-Partys. Einen ersten Erfolg hat Dieffenbach immerhin erzielt: Im „Flamingo“-Hotel durfte er seinen Wodka einige Wochen lang probeweise anbieten.
Nur wenige der Wodka-Glücksritter haben so viel Geld zur Verfügung wie Dieffenbach. Joe Miller etwa, Inhaber einer Tauchschule in Florida, hatte nur 300 000 Dollar für seinen „Palm Cay Vodka“, den er seit Oktober 2005 anbietet. Die ersten paar hundert leeren Flaschen für sein Produkt ergatterte er von einem anderen Anbieter, der aufgegeben hatte. Die Etiketten klebte er selber auf. Nun tingelt er durch Floridas Bars und bietet Cocktail-Wettbewerbe an, um seine Marke bekannt zu machen.
Bisher hat Miller jedoch nur 3 200 Kisten verkaufen können. „Wir hoffen, dass eines Tages einer der großen Jungs vorbeikommt und anbietet, die Marke zu kaufen“, sagt der Wodka-Unternehmer.
Sehr groß scheinen die Chancen dafür nicht zu sein, zumal die vielen neuen Marken das Geschäft von Konzernen wie der britischen Diageo oder der Pernod Ricard bisher kaum beeinträchtigen. Der Weltmarktführer aus Frankreich brachte 2004 gar seinen eigenen Edel-Wodka auf den Markt: Eine Flasche „Elit“ kostet in den USA stolze 60 Dollar.
Auch für Craig Dieffenbach ist der Weg zum ganz großen Geschäft noch weit – zumal er bisher nur 5 000 Kisten Hendrix-Wodka verkauft haben soll. Dennoch gibt es Neider. Diese Woche hat ihn Janie Hendrix verklagt, die Stiefschwester von Jimi Hendrix. Sie will Hendrix-Wodka verbieten lassen. Angesichts des Schicksals des 1970 verstorbenen Gitarristen, dem ein Alkoholproblem nachgesagt wurde, sei ein Wodka mit seinem Namen ein „kranker Witz“. 2003 hatte Dieffenbach einen ersten Prozess gegen Janie Hendrix gewonnen.
Die Autorin ist Reporterin des „Wall Stret Journal“. Übersetzt von Christoph Neßhöver.

