„Herausforderung statt Krise“
Ölbosse sehen Preissprünge gelassen

Die Rekordjagd der Ölpreise hat am Wochenende unter Politikern, Verbrauchern und Börsenhändlern weltweit Schock und Besorgnis ausgelöst. Bei den im 8 000 Kilometer entfernten russischen St. Petersburg versammelten Ölbossen kam der am Freitag in New York entfachte Sturm auf dem weltweiten Erdölmarkt dagegen nur als laues Lüftchen an. Die Aufregung über den blitzartigen Anstieg von elf Dollar auf den neuen Rekordpreis von 139 Dollar je Barrel ließ die Chefs der großen Energiekonzerne Exxon-Mobil, Shell, BP, Chevron, Conoco-Phillips und Total auf einem Internationalen Wirtschaftsforum am Wochenende eher unberührt.

HB ST. PETERSBURG. Von einem weltweiten Ölschock sei keine Rede, man könne auch weiterhin die gewünschten Mengen liefern, verkündeten die Top- Manager. "Das ist keine Ölkrise wie 1973, sondern vielmehr eine Herausforderung", erklärte Chevron-Chef David O'Reilly. Das größte Problem seien in den USA wie auch sonst vielerorts auf der Welt staatliche Restriktionen bei der Erschließung neuer Vorkommen.

Die Energieminister der G8-Staaten standen auf ihrem Gipfel im japanischen Aomori dem rasant gestiegenen Ölpreis derweil hilflos gegenüber. Die Bundesregierung zeigte sich alarmiert. Australiens Ministerpräsident Kevin Rudd forderte größeren Druck auf die Opec zur Förderung von mehr Rohöl. Das Kartell zeigte sich jedoch unbeeindruckt. In Indonesien ließen sich Studenten aus Protest gegen hohe Benzinpreise die Lippen zunähen. Die Finanzmärkte - so auch in Frankfurt - machten sich auf eine turbulente Woche gefasst.

Der Ölpreis war am Freitag um knapp neun Prozent auf einen neuen Rekord von mehr als 139 Dollar je Barrel geklettert. Es handelte sich um den größten je verzeichneten Anstieg in Dollar innerhalb eines Tages. "Es ist überwältigend, absolut verblüffend", sagte Chris Feltin, Analyst bei Tristone Capital. Einige Experten rechneten damit, dass ein Barrel Anfang Juli mit Beginn der Ferienzeit in den USA über 150 Dollar kosten könnte, was sich an den Zapfsäulen bemerkbar machen dürfte.

Exxon-Mobil-Boss Rex Tillerson machte derweil in St. Petersburg den Griff vieler Staaten weltweit auf die eigenen Energieressourcen als Gefahr aus. Ein solcher "Energie-Nationalismus" sei ein gefährlicher Isolationismus. Bekenntnisse zur Liberalisierung der eigenen Märkte wären wichtige Signale für eine Entspannung auf dem Ölmärkten. "Die Ölindustrie braucht freien Handel, Rechtssicherheit und offene Märkte", sagte Tillerson. Nur so ließen sich die Förderkapazitäten sichern.

Dennoch: Die aktuelle Preisspirale bleibt auch für die Ölkonzerne nicht folgenlos. Denn mit den Preisen setzten auch die eigenen Produktionskosten zum Höhenflug an. "Ein junger Ölingenieur ist mittlerweile teurer als ein Wall-Street-Banker", berichtete der US-Wissenschaftler und Branchenkenner Daniel Yergin in St. Petersburg.

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