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28.11.2007 
Genveränderte Pflanzen

High Noon auf dem Soja-Acker

von Alexander Busch und Oliver Stock

Sojabohnen, Stacheldraht, Schießereien: Der Kampf um genveränderte Pflanzen wird immer verbissener geführt. In Brasilien gibt es bereits die ersten Toten. Für den Schweizer Agrochemie-Konzern Syngenta ist das ein herber Rückschlag. Jetzt fürchtet das Unternehmen um sein Image. Eine Handelsblatt-Reportage.

Sojabohnen: Weil die Agrarpreise immer weiter steigen, werden genveränderte Pflanzen mit höheren Erträgen attraktiver. Foto: APLupe

Sojabohnen: Weil die Agrarpreise immer weiter steigen, werden genveränderte Pflanzen mit höheren Erträgen attraktiver. Foto: AP

SAO PAULO / BASEL. Das Eingangstor zur Farm halten vier dicke Ketten zusammen. Die Holzbalken des Zauns sind zusätzlich mit Stacheldraht gesichert. Dahinter beobachtet Ramon Brizola misstrauisch jeden Fremden. Er trägt eine schusssichere Weste. „Wir kennen unsere Feinde, sie können jeden Moment wiederkommen“, sagt Brizola.

Im Oktober kam es hier in Südbrasilien, nahe zur Grenze zu Argentinien, zu einer Schießerei. Noch jetzt stecken Kugeln im Holztor. Im Wärterhäuschen daneben sind die Scheiben mitsamt den Fensterrahmen aus den Angeln geschossen. Getrocknetes Blut klebt am Boden.

Das Feuergefecht lieferten sich in Paraná Mitarbeiter des privaten Wachdienstes NF Seguranca und die Mitglieder der Landlosenbewegung MST. Diese hatten zuvor die 127 Hektar große Farm zum dritten Mal in eineinhalb Jahren besetzt.

Der Grund: Das Gelände gehört dem Agrochemie-Konzern Syngenta, und das Unternehmen baut hier genveränderte Sojabohnen an.

Valmir Mota de Oliveira, 32 Jahre alt, Vater von zwei Kindern und einer der Anführer der lokalen Landlosenbewegung, und NF-Seguranca-Mitarbeiter Fabio Ferreira, 25, starben im Kugelhagel. Sie sind die wohl ersten Toten im weltweiten Kampf um genveränderte Pflanzen. Der verschärft sich zusehends – in Paraná, Brasilien, ebenso wie bei der EU in Brüssel.

Die Nachfrage nach Agrarprodukten und ihre Preise steigen und steigen – höhere Ernteerträge werden immer wichtiger und attraktiver. Das freut Konzerne wie Syngenta, die seit Jahren dafür kämpfen, ihre genveränderten Pflanzen zu verbreiten. Die Agrarkonjunktur ist ihr stärkstes Argument gegen diejenigen, die in Genveränderungen Teufelszeug sehen. Tragödien wie in Paraná drohen den Trend wieder zu kippen.

Schließlich trifft der Aufschwung für die Saatguthersteller noch immer auf reichlich Widerstand. Gesundheitsminister Horst Seehofer (CSU) hat am Montag von der EU einen Zulassungsstopp für genveränderte Agrarprodukte verlangt. Seit Jahren blockieren sich in Brüssel Gentechnik-Fans und Gentechnik-Gegner gegenseitig. Und auch Seehofers eigenes Gentechnikgesetz steckt im Bundestag fest – auch wegen Widerstand aus Seehofers eigener Fraktion.

Für einen Konzern wie Syngenta ist angesichts der politisch heiklen Lage eine Schießerei mit Todesfolge auf einer firmeneigenen Farm äußerst misslich. Als vor sieben Jahren die Agrarsparten von Astra-Zeneca und Novartis zu Syngenta verschmolzen, war allen Beteiligten klar, dass Düngemittel, Herbizide und gentechnisch verändertes Saatgut eine explosive Mischung für ein Unternehmen mit 8,1 Milliarden Dollar Umsatz und 21 000 Mitarbeitern sein könnten.

Syngenta suchte früh die Offensive: Nur ein paar Monate nach der Gründung lancierte das Unternehmen als erstes seiner Branche eine Stiftung zur Förderung nachhaltiger Landwirtschaft, die vor allem Ernährungsprojekte in Afrika unterstützt. Auch hilft der Konzern beim Aufbau weltweiter Saatbanken, die die Vielfalt der Pflanzen erhalten helfen sollen. Und Syngenta lässt an sogenannten „Golden Rice“-Technologien forschen, die unterernährte Menschen die Versorgung mit wichtigen Vitaminen erleichtern.

Lesen Sie weiter auf Seite 2: Einer, der an Syngentas Image gar nicht glauben mag.

Solche Imagepflege kann sich Syngenta gut leisten. Der Aktienkurs hat sich in zwei Jahren verdoppelt. Der Agrarchemiekonzern fuhr mit 7,4 Milliarden Dollar in den ersten neun Monaten dieses Jahres einen Rekordumsatz ein. Der Umsatz soll in diesem Jahr um 17 Prozent steigen. Konkurrenten wie die US-Konzerne Monsanto und Du Pont sowie BASF und Bayer können sich im Agrarbereich über ähnliche Steigerungen freuen.

Die Klimawandel-Debatte facht den Boom der Agrarriesen zusätzlich an. Syngenta entwickelt Enzyme, mit deren Hilfe sich Biotreibstoffe herstellen lassen. Eine Studie der Credit Suisse attestierte dem Düngemittelhersteller auch deswegen kürzlich große Ertragschancen.

Die selber angehobene Gewinnerwartung muss Syngenta-Chef Michael Pragnell allerdings nicht mehr erfüllen. Das überlässt er seinem im Sommer nominierten internen Nachfolger Mike Mack. „Michael and Mike“ sind gerade dabei, den sanften Übergang zu gestalten. Währenddessen haben sie sich nach außen eine Schweigeperiode verordnet.

Mit den Toten in Brasilien hat Mack nun allerdings seine erste Minikrise, verliert doch das Bemühen von Syngenta, sich als sauberer Konzern zu profilieren, der nur die Ernährungsprobleme der Welt lösen will, an Glaubwürdigkeit.

Einer, der an Syngentas Image gar nicht glauben mag, ist Roberto Requião, der Gouverneur von Paraná. Er lehnt Gensoja ab, und er hat die Polizei in den vergangenen Wochen angewiesen, die von der Landlosenbewegung besetzte Farm von Syngenta nicht zu räumen – obwohl Brasiliens Justiz das angeordnet hatte. In seiner Wut, die bei vielen seiner Landsleute gut ankommt, forderte Requião sogar die Enteignung der Schweizer.

Dazu kam es nicht, aber der Einfluss des Gouverneurs reichte, um an jenem verhängnisvollen Sonntagmorgen des 21. Oktober dieses Jahres 200 Landlose anzustacheln, auf die Versuchsfarm von Syngenta vorzudringen und vier diensthabende Sicherheitsleute zu vertreiben.

Doch die kehren mit Verstärkung zurück: Um 13.30 Uhr rücken sie an, um die Farm zurückzuerobern. „Dafür haben wir keinen Befehl bekommen“, räumt Nerci de Freitas ein, der Chef der Sicherheitsfirma, die von Syngenta mit dem Schutz des Geländes betraut wurde. „Wir haben den Entschluss selbst gefasst.“

Was nach der Rückkehr der Sicherheitsleute geschah – darüber gehen die Versionen auseinander: „Sie kamen mit einem Kleinbus und einem Auto und eröffneten ohne Vorwarnung das Feuer auf uns“, lautet die Version eines Mitgliedes der Landlosenbewegung. „Wir wollten einen unserer Mitarbeiter rausholen, der als Geisel gehalten wurde“, rechtfertigt sich dagegen Sicherheitsmann Nerci de Freitas und fügt hinzu: „Wir sind es, die sofort beschossen wurden.“

Lesen Sie weiter auf Seite 3: In Brüssel muss Syngenta gleich mehrere Niederlagen hinnemen.

Wer auch immer recht hat – in der Syngenta-Zentrale in Basel schrillen die Alarmglocken. Unternehmenssprecher Médard Schoenmaeckers beeilt sich festzustellen, dass die Sicherheitsfirma vertraglich angewiesen sei, auf jegliche Art von Gewaltanwendung zu verzichten. Nach der Besetzung „kehrten Mitarbeiter der Wachfirma entgegen unseren Anweisungen zurück, und es kam zu der gewaltsamen Konfrontation, deren Hergang noch immer untersucht wird“.

Fest steht: Die Schießerei in Brasilien schwächt die Position von Syngenta und auch anderen Agrokonzernen. In Brüssel musste Syngenta kürzlich einige überraschende Niederlagen einstecken. Im Juli hatten EU-Richter dem Unkrautvernichter Paraquat, den Syngenta unter dem Markennamen Gramoxone vertreibt, die Zulassung entzogen. Kritiker wie die gentechnikkritische Schweizer Entwicklungshilfeorganisation „Erklärung von Bern“ feierten das als Sieg. „Die hohe Toxizität von Paraquat, zu dem kein Gegenmittel existiert, führt immer wieder zu Todesfällen.“ Die Organisation wirft Syngenta vor, mit seinen Produkten für den Tod von Plantagenarbeitern und Kleinbauern verantwortlich zu sein.

Syngenta weist das zurück. John Atkin, Chef des betroffenen Syngenta-Bereichs, sagt: „Das Gericht ist nicht zu dem Schluss gekommen, dass Paraquat in der Anwendung ein grundsätzlich unsicheres oder gefährliches Produkt ist.“ Er will deswegen möglicherweise erneut einen Zulassungsantrag stellen.

Dies war nicht die einzige Niederlage von Syngenta. Ende vergangenen Monats stoppte EU-Umweltkommissar Stavros Dimas die Zulassung der Gen-Mais-Variante Bt-11 von Syngenta. Nicht nur schädliche, sondern auch nützliche Insekten vertrügen den Mais nicht, lautete Dimas’ Vorwurf. Auch die Kartoffelsorte „Amflora“ von BASF und die Maissorte 1507 der US-Firma Pioneer dürfen zunächst in der EU nicht angebaut werden – obwohl die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit das Saatgut für unbedenklich hält.

Bleibt es beim Veto des EU-Umweltkommissars gegen Industriekommissar Günter Verheugen, kann Syngenta seinen Mais in Europa nicht vertreiben. „Damit hätte sich der Anbau insektenresistenter Gen-Mais-Sorten in der EU erledigt“, stellt Heike Moldenhauer fest, Gentechnikexpertin beim Bund für Umwelt und Naturschutz (Bund).

Eigentlich hatte die EU heute erneut über die genveränderten Pflanzen debattieren wollen – aber der Termin wurde kurzfristig verschoben. Ein kleiner Erfolg für die Lobbyarbeit der Unternehmen? Syngenta-Mann Schoenmaeckers sagt nur: „Es ist immer besser, sich etwas zweimal zu überlegen, bevor eine Entscheidung getroffen wird.“

In Brasilien schimpft derweil Roberto Requião, Syngenta habe eine „Miliz mit Tötungsauftrag“ losgeschickt: „Syngenta ist nur hierher gekommen, weil sie die Gensoja nicht in der Schweiz testen dürfen.“ Und der Gouverneur, dessen Vorbild Venezuelas Linkspopulist Hugo Chávez ist, legt nach: „Die Chefs von Syngenta kämen in der Schweiz in den Knast, wenn sie dort das machen würden, was sie hier bei uns anstellen.“

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