Industrie
Hintergrund: Führungskompromiss gibt EADS neue Handlungsfähigkeit

Mit der Einigung auf die Führungsstruktur gewinnt der europäische Luftfahrt- und Rüstungskonzern European Aeronautic Defence and Space Company (EADS) nach monatelanger Blockade seine Handlungsfähigkeit zurück.

dpa-afx PARIS. Mit der Einigung auf die Führungsstruktur gewinnt der europäische Luftfahrt- und Rüstungskonzern European Aeronautic Defence and Space Company (EADS) nach monatelanger Blockade seine Handlungsfähigkeit zurück. Der Kompromiss kam gerade rechtzeitig: In Europa stehen neue Fusionen in der Rüstungsindustrie an. Boeing attackiert zudem die noch junge Führungsposition der EADS-Tochter Airbus und versucht, den Konzern vom lukrativen US-Rüstungsmarkt fernzuhalten. Neue Partnerschaften in Asien verlangen Verlässlichkeit. Und bei Entscheidungen über neue Produkte wie dem Airbus A350 geht es auch um das Austarieren nationaler Interessen bei der Wahl der Werke und Technologien.

Airbus kann sich nach der Klärung der Führungsfragen jetzt mit aller Kraft den Produktions- und Richtungsentscheidungen widmen, die über seine Marktstellung in den kommenden Jahren entscheiden. Ganz oben steht der Start des A350-Programms, mit dem Airbus vereiteln will, das Boeing im Langstreckensegment davoneilt. Wichtig sind auch die Programme des A380-Frachters und des Militärtransporters.

Neue Glaubwürdigkeit in den USA erhofft sich EADS mit dem Aufstieg des "Atlantikers" Thomas Enders in die Konzernspitze und seiner Oberaufsicht über das heikle Rüstungsgeschäft. Denn in Washington hat der von Präsident Jacques Chirac gedeckte Vorstoß zur Übernahme der Konzernführung durch die Franzosen den Eindruck geschürt, im Grunde sei EADS ein französischer Staatskonzern, von dem man die nationale Sicherheit nicht abhängig machen dürfe. Der Reserveoffizier Enders "spricht die Sprache der US-Militärs". Und er kommt vom deutsch-amerikanischen Konzern Daimler-Chrysler , der den Machtanspruch der Franzosen energisch abgewehrt hat. Sein erster Test steht unmittelbar bevor: der US-Milliardenauftrag für eine Tankerflotte, der den Weg zum weltgrößten Militärmarkt aufstoßen soll.

Der Führungskompromiss bringt EADS zudem bei der Neuordnung der europäischen Rüstungsindustrie ins Spiel zurück. Nationale Eifersüchteleien haben hier bisher eine große Lösung verhindert und im Marinebereich ganz gestoppt. Paris will EADS mit dem führenden Elektronikspezialisten Thales verschmelzen und so auf Augenhöhe mit den US-Rüstungsgiganten bringen. Daimler-Chrysler möchte dagegen nur die Übernahme von Teilen des französisch-britischen Konzerns, um die Stellung in den USA und Großbritannien zu stärken, ohne sich allzu viele teure Produktionen ans Bein zu binden. Thales will eine Zerschlagung verhindern und hat die EADS-Krise genutzt, um Fühler zu Partnern nach Italien und anderswo auszustrecken. Die Zeit drängt.

Die EADS-Führungsreform muss sich also sehr schnell in der Praxis bewähren. Umso wichtiger ist es, dass keine Seite den Eindruck hat, von der anderen über den Tisch gezogen worden zu sein. Die Reform war eine mühsame Zangengeburt. Auf den ersten Blick erscheint der Kompromiss wie ein Sieg der Deutschen: Die größten Sparten Airbus und Rüstung werden jetzt von Deutschen geführt und der Führungsanspruch der Franzosen abgewehrt. Doch mit der Einführung einer Ebene von Geschäftsführern und neuen Befehlssträngen erreichten die Franzosen einen fein ausgewogenen Machtausgleich.

Der Kompromiss kennt daher möglicherweise keinen Sieger, aber wohl einen Verlierer: Noel Forgeard. Der bisherige Airbus-Chef wurde zwar in die Konzernspitze gewählt. Er muss sich aber mit Enders als Co-Chef abfinden und bekam keinen Zugriff auf das Rüstungsgeschäft. Außerdem hat er als der Mann, der die Führungskrise ausgelöst und hartnäckig am Kochen gehalten hat, Vertrauen der Deutschen und Sympathien der Franzosen verspielt. Das muss er nun im Geschäftsalltag mühsam zurückgewinnen./hn/DP/zb

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